Zweifel am Nutzen von Telemedizin bei diabetischem Fuß
Die Versorgung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom darf in der Corona-Pandemie nicht leiden. Ärzte aus England und den USA steuern mit Telemedizin gegen – ein deutscher Diabetologe ist skeptisch.
(Neapel/Rheine, 3.1.2022) - Die Corona-Pandemie geht für Patienten mit chronischen Erkrankungen mit der Gefahr von Versorgungsengpässen einher, die sich im Langzeitverlauf ungünstig auswirken können. Dies wird auch für Patienten mit diabetischem Fußsyndrom (DFU) berichtet, zum Beispiel aus Italien.
In einer Studie mit 63 Patienten war eine Kohorte von DFU-Patienten zu Beginn der Pandemie von März bis Mai 2020 verglichen worden mit einer entsprechend gematchten Kohorte von DFU-Patienten im ersten Halbjahr 2019.
Unter Pandemiebedingungen waren signifikant seltener Patienten einem spezialisierten Behandlungszentrum zugewiesen worden. Hingegen stieg der Anteil an Patienten, die als Notfall eingewiesen worden waren. Die Prävalenz einer Gangrän war mit 64 Prozent versus 29 Prozent signifikant höher und Amputationen waren drei Mal häufiger erforderlich, berichten Dr. Paola Caruso aus Neapel und ihre Kolleginnen und Kollegen (Diab Care 2020; 43: e123).
Wichtig ist ein angemessenes Behandlungsmanagement
Diabetische Fußulzera können sich rasch und in kritischer Weise verschlechtern. Insofern ist auch unter den Bedingungen einer Pandemie ein adäquates und zeitgerechtes Behandlungsmanagement von DFU-Patienten notwendig, schlussfolgern die Studienautoren. Problem dabei ist das Erfordernis der persönlichen Vorstellung in der Ambulanz, um Wunden fachgerecht zu versorgen und notwendige Labor- und bildgebende Untersuchungen initiieren zu können.
In zwei spezialisierten DFU-Zentren in Manchester (England) und Los Angeles (USA) haben Ärzte und Podologen versucht, Patienten weitest möglich ambulant zu versorgen, um zu verhindern, dass DFU-Patienten im Krankenhaus mit SARS-CoV-2 in Kontakt kommen. Selbst Patienten mit ausgeprägter Osteomyelitis, die sonst stationär mit intravenöser Antibiose behandelt worden wären, hatten stattdessen orale Antibiotika bekommen, zusätzlich waren Kalziumsulfat-Pellets mit Tobramycin zur lokalen Behandlung eingesetzt worden, berichten Dr. Laura Shin von der University of Southern California und Koautoren.
Sie haben versucht, mit Telefon- oder Videokonsultationen die Versorgung aufrecht zu erhalten und gegebenenfalls Hausbesuche durch Podologen veranlasst – nach eigenen Angaben mit gutem Erfolg (Diabetes Care 2020; 43: 1704–1709) Ein Versorgungsmodell für die Zukunft?
In Deutschland kaum Rückgang von Fußbehandlungen
Professor Maximilian Spraul aus der Diabetesschwerpunktpraxis in Rheine bewertet diesen Bericht als „etwas sehr optimistisch“ (Handbuch Diabetes Update 2021). Die telemedizinische Übermittlung von Fußbefunden erleichtere zwar spezialisierte Konsile.
„Inwieweit dadurch jedoch stationäre Aufnahmen und vor allem Amputationen vermieden werden können, halte ich für fraglich“, meint Spraul unter Verweis auf die italienische Studie. In Deutschland sei es nach seiner Erfahrung bislang nur zu einer geringfügig eingeschränkten Inanspruchnahme spezialisierter ambulanter Diabetes-Fußbehandlungseinrichtungen gekommen.
Quelle: https://www.aerztezeitung.de/





