Weniger Hypos, flexibler und sparsamer

Neues Langzeit-Insulin in gelber Box
Von Peter P. Hopfinger
Die Nachricht sauste wie ein Lauffeuer durch die österreichische Diabetiker-Szene. Seit Anfang März ist das Langzeit-Insulin DegluDec in der sogenannten „gelben Box“ des Erstattungssystems angekommen. D. h., dass Patienten dieses besonders lange wirkende Basisinsulin auch ohne die berüchtigte Chefarzt-Prüfung von den heimischen Kassen erstattet bekommen. Damit geht´s den österreichischen Patienten viel besser, als den Nachbarn in Deutschland. Dort ist Insulin DegluDec (Markenname: Tresiba) seit Mitte 2015 gar nicht mehr auf dem Markt.
Fast hundert Jahres ist es her, dass im kanadischen Toronto der erste Diabetespatient mit Insulin behandelt wurde. Der damals fünfjährige Theodore Ryder, der ohne die rettende Behandlung seinen sechsten Geburtstag vermutlich nicht erlebt hätte, starb erst 1993, im Alter von immerhin 76 Jahren. Die Diagnose „Diabetes“ ist also längst kein Todesurteil mehr, vor allem auch, weil sich in der Insulintherapie und der dazugehörigen Medizintechnik – Stichwort: Insulinpens, Insulinpumpen und moderne Blutzuckermessgeräte – in den letzten Jahrzehnten enorm viel getan tat.
Bei den Insulinen gibt es heute eine Vielzahl von unterschiedlichen Präparaten, mit denen die Behandlung bei den allermeisten Patienten sehr gut an die ganz persönliche Situation angepasst werden kann. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Basalinsulin (Langzeitinsulin), das den Grundbedarf des Körpers zwischen den Mahlzeiten und in der Nacht abdeckt, und Mahlzeiteninsulin, das für die Kontrolle des Blutzuckers nach dem Essen verantwortlich ist. Viele Patienten mit Typ-2-Diabetes verwenden Mischinsulin, das sowohl Basal- als auch Mahlzeiteninsulin enthält. Vereinfacht gesagt, soll Mahlzeiteninsulin möglichst schnell und kurz wirken, Basalinsulin dagegen lang, idealerweise über den ganzen Tag, und möglichst gleichmäßig.
Lange Zeit waren proteinverzögerte Insuline („NPH-Insulin“) die meistverwendeten Langzeitinsuline. Ihre Wirkung hält ungefähr zwölf Stunden an, daher müssen NPH-Insuline zweimal täglich gespritzt werden. Problematischer ist allerdings, dass sie den Blutzucker über die Zeit nicht wirklich gleichmäßig senken (am stärksten nach ungefähr fünf Stunden) und dass die Wirkung von Patient zu Patient und von Tag zu Tag unterschiedlich stark sein kann. Die Folge sind zu hohe oder zu niedrige Blutzuckerwerte. Vor allem die Hypoglykämien (= niedriger Blutzucker) in der Nacht sind bei den Patienten gefürchtet, weil man den Blutzuckerabfall im Schlaf nicht bemerkt und nicht darauf reagieren kann. Im schlimmsten Fall, der glücklicherweise nur sehr selten auftritt, können schwere Hypoglykämien sogar tödlich enden. Aber auch weniger schwere Unterzuckerungen haben für die Betroffenen mitunter äußerst belastende Folgen wie unruhiger Schlaf, nächtliche Schweißausbrüchen, Tagesmüdigkeit und Kopfschmerzen am Folgetag, sodass an Schule oder Arbeit nicht zu denken ist. Dazu kommt, dass Unterzuckerungen die körpereigene Hypoglykämie-Wahrnehmung verschlechtern – ein Teufelskreis.
Analoga zur Jahrtausendwende
Anfang der 2000er-Jahre kamen die ersten Basalinsuline einer neuen Generation (Basalinsulinanaloga) auf den Markt. Sie wirkten länger und gleichmäßiger und konnten so dazu beitragen, dass Hypoglykämien bei insulinpflichtigen Patienten deutlich seltener auftraten. Das Problem der nächtlichen Unterzuckerung konnten aber auch diese Insuline nicht vollständig lösen.
Das derzeit modernste Langzeitinsulin (Markenname Tresiba) gibt es seit ungefähr fünf Jahren. Im Gegensatz zu den meisten älteren Basalinsulinen, die nach dem Einstich winzige Kristalle bilden, formt Tresiba im Unterhautgewebe lange Ketten von Insulinmolekülen, aus denen die einzelnen Insulinteilchen mit immer gleicher Geschwindigkeit freigesetzt werden. Außerdem verbindet sich das Insulin mit Albumin, das im Blut für den Transport von Nährstoffen, aber auch von Medikamenten verantwortlich ist. Auch das trägt dazu bei, die Schwankungen der Insulinmenge im Blutkreislauf zu verringern. Diabetespatienten profitieren von diesen Eigenschaften in der praktischen Anwendung. Das zeigen Studien, in denen nächtliche Hypoglöykämien und nächtliche Hypoglykämien bei Tresiba teilweise nur halb so oft auftraten als mit dem derzeit weltweit meistverwendeten Basalinsulin, Lantus.
Die Entwicklung neuer Medikamente und das Durchführen von Studien kosten Geld, deswegen war Tresiba anfangs teurer als andere Basalinsuline. Die heimischen Krankenkassen bezahlten das neue Medikament daher nur bei wenigen Patienten, hauptsächlich bei jenen mit Typ-1-Diabetes. Vor kurzem hat Hersteller Novo nun aber den Preis gesenkt, und im Gegenzug übernimmt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger die Kosten für Tresiba bei allen insulinpflichtigen Patienten und zu den gleichen Konditionen wie bei anderen modernen Basalinsulinen – genaue Informationen erhalten Patienten bei ihrem Arzt bzw. ihrer Ärztin.
Für Diabetespatienten, die auf Insulin angewiesen sind, wird die Behandlung dadurch insgesamt einfacher und flexibler. Beispielsweise müssen sie ihr Basalinsulin nicht mehr jeden Tag zur genau gleichen Tageszeit spritzen und können auch einmal später nach Hause kommen oder ausschlafen; auch längere Reisen mit Zeitverschiebung werden deutlich einfacher. Trotzdem gibt es einige Dinge zu beachten: Viele Patientinnen und Patienten benötigen mit Tresiba etwas weniger Insulin als bei anderen Basalinsulinen, Anpassungen der Insulindosis dauern etwas länger und mit sportlicher Betätigung muss man zum Teil etwas anders umgehen als gewohnt. Auch in diesen Punkten erteilen diabeteserfahrene Ärztinnen und Ärzte gerne Auskunft.
Die Vorteile der neuen Grundversorgung sind – zumindest aus meiner Sicht – offensichtlich. Vor meinem Umstieg habe ich Sanofis Langzeit-Insulin glargin (Markenname: Lantus) als Basis verwendet. Jeweils morgens und abends wanderten täglich je 13 Einheiten (Gesamt: 26 IE) in meinen Körper, die nächtlichen Hypos wurden weniger, aber ich musste mich relativ genau an die Injektionszeiten halten, um im Wirkungszeitraum von 24 Stunden kein „Loch“ aufzureissen.
Die für mich relativ hohe Dosis machte es mir damals auch schwer von 84 Kilo Lebendgewicht (bei einer Größe von 180 Zentimeter) einige Kilos zu verlieren.
Bei Reisen in andere Zeitzonen – Asien oder Amerika – begann die große Rechnerei; sowohl hin als auch retour: sechs Stunden plus nach Amerika bedeuteten, die Dosis um ein Viertel zu erhöhen bzw. auch wieder zu verringern usw.
Trotzdem: so weit, so gut. Das Sanofi-Insulin war, als es auf den Markt kam, eine echte Innovation und Verbesserung.
Weniger Stiche, Einheiten und Kilos
Doch die Forscher beim weltgrößten Insulinhersteller Novo konnten durch einen innovativen Dreh die Wirkungsdauer ihres Langzeit-Insulins wesentlich verlängern.
Ich bekam das neue Präparat im Rahmen eines Reha-Aufenthaltes in Althofen verordnet und konnte innerhalb kürzester Zeit:
- Von zwei Injektionen (jeweils morgens und abends) auf eine einzelne am Abend umsteigen.
- Die Insulinmenge von insgesamt 26 Einheiten auf nur noch 13 (!) Einheiten pro Tag reduzieren
- Mein Gewicht von 84 auf 76 Kilo verringern und last but not least
- Sämtliche Rechnereien, Zusatzmengen oder auch Reduktionen bei Transkontinentalflügen und dem damit verbundenen Wechsel in andere Zeitzonen vergessen.
Tresiba ist natürlich kein Wunderinsulin, aber viele Patienten haben davon profitiert: die Schwankungen der Blutglukose (BG) waren geringer ausgeprägt, der Nüchtern–BG–Wert war stabiler, es sind weniger Hypoglykämien aufgetreten, insbesondere in der Nacht. Viele Patienten antworten spontan: „Mit diesem Insulin hat sich endlich mehr 'Ruhe' und 'Gleichmäßigkeit' eingestellt. Ich kann wieder ruhiger schlafen, da ich keine Angst mehr vor nächtlichen Hypoglykämien haben muss. Ich fühle mich viel besser. Meine Lebensqualität hat sich mit diesem Insulin deutlich verbessert.“
Begeistert vom – seiner Meinung nach – gleichmäßigen Wirkprofil des neuen Basalinsulins zeigt sich Matthias, der vor ein paar Wochen umgestiegen ist: „Da ich Schichtarbeiter bin, ist es für mich von Vorteil, dass ich dank der extrem langen Wirkdauer nur noch einmal pro Tag das Langzeitinsulin spritzen muss“, meint er. „Zudem haben sich meine Nachtwerte stabilisiert, unterliegen kaum noch Schwankungen. Was ein wenig genervt hat, war, dass es einige Zeit dauerte, bis mein Diabetologe und ich die für mich optimale Dosis gefunden hatten.“