Warnung vor Übertherapien bei Senioren mit Typ-2-Diabetes
Zu ehrgeizige Therapieziele steigern bei alten Menschen mit Typ-2-Diabetes das Risiko für schwere Komplikationen, warnt ein Diabetologe. Er rät dazu, Ziele öfter zu überprüfen und riskante Arzneien abzusetzen.
(Mainz, 15.3.2022) - Immer noch wird ein großer Teil alter Menschen mit Typ-2-Diabetes zu ambitioniert gegen Hyperglykämien behandelt, hat Professor Andreas Hamann von den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg beim Diabetes Update in Mainz kritisiert. Dies führe auch in Deutschland häufig zu schweren Komplikationen, betonte der Diabetologe.
Zwar ist Typ-2-Diabetes bei uns im Alter weit verbreitet, immerhin ist etwa jeder vierte Erwachsenen ab 75 Jahre davon betroffen. Trotzdem fehlen in Deutschland Daten dazu, bei wie vielen Menschen in dieser Altersgruppe eine sehr stringente Stoffwechselkontrolle angestrebt wird, inwieweit das zu Übertherapien führen könnte, und wie häufig das mit einem erhöhten Risiko für schwere Komplikationen einhergeht.
Studie in der kanadischen Provinz Ontario
Hamann hat bei der Veranstaltung deshalb eine Studie aus der kanadischen Provinz Ontario vorgestellt. Diese Provinz bietet für solche Analysen nämlich ideale Bedingungen. Fast 99 Prozent der Einwohner sind dort bei nur einer Krankenkasse versichert, was einfache Auswertungen der elektronisch erfassten Daten mit validen Ergebnissen für die Gesamtbevölkerung ermöglicht.
Für die retrospektive Kohorten-Studie eines Teams um Dr. Iliana C. Lega vom Women’s College Hospital der Universität Toronto wurden Daten von 108.620 Typ-2-Diabetikern im Alter über 75 analysiert. Die langjährigen Diabetiker (Erkrankungsdauer im Schnitt 13,7 Jahre) waren von 2014 bis 2015 mit mindestens einem Antidiabetikum behandelt worden. Unterschieden wurden Patienten mit intensiver (HbA1c ≤7,0 Prozent) oder konservativer Stoffwechselkontrolle (HbA1c 7,1 bis 8,5 Prozent). Bestimmt wurde das zusammengesetzte Risiko für Vorstellung in der Notaufnahme, stationäre Therapie oder Tod, und zwar binnen 30 Tagen nach Erreichen der intensiven Stoffwechselkontrolle (Diabetologia 2021; 64: 1093).
Ergebnis: Bei 61 Prozent der älteren Typ-2-Diabetiker wurde eine intensive Stoffwechselkontrolle angestrebt, und dieses erfolgte bei gut jedem Fünften unter Einsatz von Insulin und/oder Sulfonylharnstoffen, die ein hohes Risiko für schwere Hypoglykämien haben. Die stringente Diabetestherapie führte dabei zu signifikanter Zunahme beim Erreichen des zusammengesetzten Endpunkts um fast 50 Prozent (RR 1,49).
Risiko: ehrgeizige Ziele und riskante Arzneien
Das Fazit: „Dass eine zu ehrgeizige Diabetestherapie mit Insulin und/oder Sulfonylharnstoffen im höheren Lebensalter zu einer erhöhten Komplikationsrate führt, erlebe ich als Klinikarzt nicht selten mehrfach in der Woche in unserer zentralen Notaufnahme“, sagte Hamann dazu. Nach seiner Ansicht besteht das Problem in der Kombination aus niedrigen HbA1c-Zielen und der Anwendung von Antidiabetika mit intrinsischem Hypoglykämierisiko. Deren Nutzen und Risiko sollten bei geriatrischen Patienten sorgfältig abgewogen werden, empfiehlt er.
Hamann weist auch darauf hin, dass in der neuen Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes empfohlen wird, regelmäßig eine Therapie-Deeskalation oder eine Veränderung der Therapiestrategie zu erwägen. Das gilt vor allem, wenn sich bei einem Patienten die Rolle prognostischer Aspekte der Therapie verringert oder auch, wenn er multimorbide ist und Polymedikation besteht. Muss eine Therapie mit riskanten Antidiabetika beibehalten werden, dann sollte zumindest der Zielwert erhöht und nicht mehr ein HbA1c unter 7 Prozent angestrebt werden.
Quelle: https://www.aerztezeitung.de/





