Typ-2-Therapie: Schutzschirm für die Organe
Mit neuen Arzneien lassen sich Typ-2-Diabetiker individualisiert behandeln und Komplikationen etwa an Gefäßen reduzieren. Um die Diabetesepidemie einzudämmen, sind aber andere Maßnahmen erforderlich.
Selten haben sich Therapieempfehlungen für Diabetes-Patienten so rasch geändert wie in den vergangenen Jahren. Nachdem für Präparate einiger Medikamentenklassen nachgewiesen werden konnte, dass damit die Prognose von Typ-2-DiabetesPatienten maßgeblich verbessert werden kann, hat ein Paradigmenwechsel im Behandlungsalgorithmus stattgefunden. Dazu haben die europäische Diabetesgesellschaft EASD und ihr amerikanisches Pendant ADA gemeinsame Empfehlungen veröffentlicht.
Ebenso ist aber klar geworden, dass mit Arzneien allein die Diabetes-Epidemie bei Weitem nicht eingedämmt werden kann. „Metabolische Störungen im Kindesalter sind meist irreversibel“, stellt der „Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes 2021“ nüchtern fest. Wiederholt angemahnt werden darin Maßnahmen zur Gewichtsreduktion in der Bevölkerung.
Professor Jens Aberle vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf fordert dort aktuell für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Diabetes-Hilfe (diabetesDE) weniger „adipogene“ Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche. Die individualisierte Ernährungstherapie, die vermehrte körperliche Aktivität und die Reduktion des Körpergewichts sind außerdem Grundlage der Diabetestherapie – dies ist das „konservative“, weil unverzichtbare Element des Paradigmenwechsels.
Diätetische Maßnahmen
Intermittierendes Fasten und Reduktion der Mahlzeitenzahl pro Tag sind mögliche Strategien zur Gewichtsreduktion. Auch die Tageszeit, zu der gegessen wird, beeinflusst die postprandiale Glukosereaktion. Wichtig ist eben nicht nur die Gesamtkalorienzahl, die in 24 Stunden aufgenommen werden.
Vielmehr scheine es von Vorteil zu sein, wenn Mahlzeiten früher am Tag als abends eingenommen würden, berichtet Aberle mit Verweis auf experimentelle und Querschnittsstudien. „Auch die Reihenfolge der Nahrungsaufnahme hat ein beträchtliches Potenzial zur Senkung des postprandialen Blutzuckerspiegels.“ Soll heißen: erst Ballaststoffe aufnehmen, dann Proteine, zuletzt Kohlenhydrate.
Die Gesamtkohlenhydrataufnahme zu mindern oder gar drastisch zu reduzieren, kann eine hochwirksame Option sein, wie aus der DiRECT-Studie (Diabetes Remission Clinical Trial) hervorgeht. Über zwölf bis zwanzig Wochen hatten die Teilnehmer eine kalorienarme Formula-Diät erhalten, bevor sie allmählich wieder auf normale Nahrung umgestellt worden waren mit dem Ziel des langfristigen Erhalts der erzielten Gewichtsabnahme.
Fast die Hälfte der Teilnehmer mit dieser Intervention befanden sich nach einem Jahr in Remission ihres Typ-2-Diabetes, nach zwei Jahren war es noch ein Drittel. Die anhaltende Remission korrelierte mit dem Ausmaß der anhaltenden Gewichtsabnahme.
Neue Antiadiposita in Sicht
Wenn solch starke Behandlungseffekte durch Gewichtsreduktion erzielt werden können, ist klar, dass die Forschung an Medikamenten, die dies unterstützen können, weitergeht. Vieles spricht dafür, dass solche Medikamente auf den Markt kommen werden. Einige sind bereits verfügbar.
In Europa zugelassen ist Liraglutid, ein GLP-1-Agonist, der in Ergänzung zu kalorienreduzierter Diät und verstärkter körperlicher Aktivität eingesetzt werden soll. Semaglutid ist seit über einem Jahr in Deutschland für Patienten mit schlecht kontrolliertem Typ-2-Diabetes verfügbar. In einer Phase-II-Studie bei Adipositas-Patienten war eine deutliche Gewichtsreduktion im Vergleich zu Placebo, aber auch im Vergleich zu Liraglutid beobachtet worden.
Betrachten wir den Diabetes-Patienten als Ganzes, geht es aber nicht primär darum, bestimmte Gewichtsschwellen zu unterschreiten, Labor- oder andere Surrogatparameter zu optimieren. Unterm Strich geht es vor allem um Gefäßgesundheit. Der Zustand des Gefäßsystems ist es, der maßgeblich Morbidität und Mortalität bei Typ-2-Diabetes bestimmt: Mikrovaskuläre Veränderungen bedingen die Funktionsstörungen von Nerven, Netzhaut und Nieren; mehr als jeder zweite Diabetes-Patient stirbt an makrovaskulären Komplikationen.





