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Typ-1-Diabetes: Blutzuckerentgleisungen erhöhen Demenzrisiko

(Sacramento/Kalifornien, 30.6.2021) – Menschen mit Typ-1-Diabetes, die im Verlauf ihrer Erkrankung wegen einer Hypo- oder Hyperglykämie im Krankenhaus behandelt werden mussten, haben im Alter ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Dies kam in einer Kohortenstudie heraus, deren Ergeb­nisse jetzt in Neurology (2021; DOI: 10.1212/WNL.0000000000012243) veröffentlicht wurden.

Da Glukose der wichtigste Energielieferant für Nervenzellen ist, reagiert das Gehirn empfindlich auf Schwankungen des Blutzuckers. Besonders riskant sind Hypoglykämien, die die Energieversorgung oft akut infrage stellen. Übersehen wird häufig, dass auch Hyperglykämien, die sich in der Regel langsamer entwickeln, das Gehirn schädigen können. Die durch oft sehr hohe Blutzuckerwerte erhöhte Osmolarität des Blutes entzieht den Hirnzellen Flüssigkeit, was im Extremfall zum Coma diabeticum führt.

Die Epidemiologin Rachel Whitmer von der Davis School of Medicine in Sacramento hat hierzu die Daten von 2.821 Typ-1-Diabetikern im mittleren Alter von 56 Jahren untersucht. Die Analyse der Versicherten­daten ergab, dass 398 Patienten (14 %) in den vorausgegangenen 2 Jahrzehnten wenigstens 1 Mal wegen einer schweren Hypoglykämie im Krankenhaus behandelt werden mussten, 335 Patienten (12 %) hatten eine schwere Hyperglykämie und 87 Patienten (3 %) beides erlebt. Über eine durchschnitt­liche Nachbeobachtungszeit von 6,9 Jahren entwickelten 153 Patienten (5,4 %) eine Demenz.

Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit ermittelt Whitmer für die Patienten mit einem Hypoglykämieereignis in der Vorgeschichte ein um 66 % höheres Demenzrisiko gegenüber Typ-1-Diabetikern Personen ohne ein hypoglykämisches Ereignis. Die Hazard Ratio von 1,66 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,09 bis 2,53 signifikant.

Ein noch höheres Demenzrisiko ergab sich aus früheren hyperglykämischen Episoden. Patienten, die deshalb schon einmal im Krankenhaus behandelt werden mussten, hatten ein mehr als 2-fach erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 2,11; 1,24 bis 3,59). Am meisten gefährdet waren jedoch Patienten, die beide Not­fälle erlebt hatten. Patienten, die wegen hypo- und hyperglykämischer Komplikationen hospitalisiert werden mussten, erkrankten später mehr als 6-fach häufiger an einer Demenz (Hazard Ratio 6,20; 3,02 bis 12,70).

Die Forscherin hat auch die Inzidenzen berechnet. Für Patienten mit einem Kranken­haus­auf­enthalt wegen einer Hypoglykämie betrug sie 26,5 Fälle pro 1.000 Personenjahre im Vergleich zu 13,2 pro 1.000 Personenjahre bei Menschen mit einem komplikationslosen Typ-1-Diabetes. Bei Patienten mit einer schweren Hyperglykämie betrug die Inzidenz 79,6 Fälle pro 1.000 Personenjahre. Bei beiden Kompli­kationen stieg sie auf 98,5 pro 1.000 Personenjahre.

Quelle: https://www.aerzteblatt.de/