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„Sei kein Schwammerl! – Was, wenn doch?“

Die Pilz-Saison bringt unsere Autorin Manuela Stachl zu interessanten Überlegungen rund um eines der ältesten Lebewesen der Welt. PLUS Rezepte zum Nachkochen!

Von Manuela Stachl

Als eine Freundin kürzlich „Sei doch kein Schwammerl!“ zu mir sagte, meinte sie das natürlich nicht wortwörtlich, sondern, dass ich mich nicht so ungeschickt anstellen soll. Ihre Aussage regte mich zu einem kleinen Gedankenspiel an. Was wäre, wenn ich wirklich ein Schwammerl wäre? Wie wäre mein Leben als Pilz? Welche Bedürfnisse hätte ich? Welche Talente und Fähigkeiten hätte ich? Wo und mit wem würde ich leben? Was wäre mein Lebenszweck?

Was wäre also, wenn ich zu dieser faszinierenden Lebensform gehören würde?  Dann…

…wäre ich ein Überlebenskünstler und würde zu den ältesten aller Lebewesen zählen

Pilze existieren seit Anbeginn des Lebens. Sie gehören sogar zu den Pionieren des Lebens. Ohne sie würde es uns nicht geben! Denn es waren Pilze, die in den Anfängen der Evolution Gestein mineralisierten und damit die Grundlage für das Aufkommen der ersten Pflanzen legten. Dies führte in weiterer Folge zur Veränderung der Atmosphäre und des Klimas, wie auch zur Entwicklung des Tierreichs. Und es waren auch immer die Pilze, die nach jeder globalen Katastrophe das Leben zurückbrachten.

Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere und unabhängig von Sonnenlicht und Luft. Als wahre Überlebenskünstler der Natur haben sie eine Milliarde Jahre Erfahrung in der Existenzsicherung. Pilze wachsen mitunter in der eisigen Kälte der Antarktis und gedeihen an Wänden von Kernkraftwerken. Außerdem sind sie u. a. auf der menschlichen Haut, auf Nahrungsmitteln und in den Lungen von Menschen und Tieren zu finden.

Viele Menschen denken beim Wort „Pilz“ nur an die oberirdisch wachsenden Fruchtkörper, die „Schwammerl“, wie sie hier in Österreich und in Bayern üblicherweise bezeichnet werden.

Der Pilz selbst ist aber nur der sichtbare Teil eines riesigen, unter­irdischen Wesens, das so genannte „Myzel“, ein Netz aus feinen Fäden (Hyphen), das sämtliche Wälder unterwandert und sich, je nach Pilzart, über mehrere Kilometer erstrecken kann. Der sichtbare Pilzfruchtkörper besteht meist aus Stiel, Hut und Lamellen, Röhren oder Poren. In Letzteren werden die Sporen, die „Samen“ der Pilze, gebildet.

…könnte ich symbiotische Lebensbeziehungen eingehen

Pilze wachsen generell überall da, wo auch Bäume stehen. In Gärten, Parkanlagen und natürlich vor allem in Wäldern. Der Grund dafür ist eine symbiotische Lebensbeziehung zwischen Bäumen und Pilzen. Pilze enthalten kein Chlorophyll (Blattgrün), weshalb sie ihren Energiebedarf nicht mit Hilfe des Sonnenlichts decken können. Die Kooperation zwischen Pilzen und Pflanzen führt oftmals zu einer Konstellation, die für alle Beteiligten viele Vorteile bietet.

Pilze umhüllen mit ihren feinen Pilzfäden die Wurzeln der Bäume und dringen teilweise sogar in diese ein. Es kommt zu einem Austausch von lebenswichtigen Substanzen. Die Pilze holen Nährstoffe und Wasser aus dem Boden und leiten diese an die Pflanzen weiter, wodurch diese üppiger gedeihen können. Im Gegenzug versorgen die Pflanzen die Pilze mit Zucker und Stärke. Rund 90 Prozent aller Pflanzen gehen Symbiosen mit Pilzen ein. Dieses Teamwork der Natur macht viel Sinn, da es die Überlebenschancen vieler Organismen deutlich steigert.

…hätte ich jetzt Hochsaison und alle wären wild auf mich

Die Jagd auf Pilze beginnt hierzulande üblicherweise im August und endet im November. Es gibt allerdings auch im Frühjahr und Winter einige Pilze, die den Speiseplan bereichern können. Suchen, finden und genießen – so lautet die Prämisse beim herkömmlichen Pilzesammeln, das meistens mit langen Spaziergängen und Wanderungen einhergeht. Eine  Freizeitbeschäftigung, die sowohl für Entspannung als auch für kulinarischen Genuss sorgt. Weiter unten finden Sie ein paar geschmackvolle Pilzrezepte zum Nachkochen. 

…könnte ich bösartig sein und sogar töten

Die Natur macht es unerfahrenen Pilzsammlern nicht einfach. Beim Schwammerlsuchen ist immer Vorsicht geboten, da es leicht zu Verwechslungen mit ungenießbaren oder sogar tödlich giftigen Doppelgängern kommen kann. So wird beispielsweise gerne der giftige Grüne Knollenblätterpilz mit den bekömmlichen Wiesenchampignon verwechselt. Auch das Eierschwammerl (Pfifferling) hat mit dem „Falschen Pfifferling“ einen Doppelgänger, dessen Verzehr zwar nicht lebensgefährlich ist, aber zu Verdauungsstörungen führen kann.

Deshalb gilt: Wenn man einen Pilz nicht mit 100-prozentiger Sicherheit identifizieren kann, sollte man ihn entweder erst gar nicht mitnehmen oder ihn zumindest bei einer der vielen österreichischen Pilzbegutachtungsstellen kostenlos beurteilen lassen. Eine Auflistung von Giftpilzen in alphabetischer Reihenfolge finden Sie hier. Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung sollten Sie sofort mit der Vergiftungszentrale im AKH Kontakt aufnehmen: +43 1 406 43 43 (Vergiftungsnotruf).

…könnte ich helfen, heilen und sogar Leben retten

Unsere Vorfahren waren bereits davon überzeugt, dass man mit Pilzen heilen kann. Einen Beleg dafür bietet der Baumpilz Birkenporling, den die bekannte Gletschermumie Ötzi bei sich trug. Es ist mittlerweile bekannt, dass Ötzi an einem Magengeschwür und Borreliose litt. Der Pilz sollte Abhilfe schaffen. Damals wie auch heute stärkt der Birkenporling unser Immunsystem, hilft gegen Krebs und Entzündungen und wirkt sowohl antiviral als auch antibakteriell.

Als die moderne Medizin Einzug hielt, ging vieles vom Wissen um die Heilkraft der Pilze verloren. Bis 1928 Alexander Fleming in seinem Londoner Labor zufällig eine phänomenale Entdeckung machte. Pilzsporen waren unbemerkt durch das Fenster geflogen und in seinen Petrischalen, direkt auf den Bakterienkolonien, gelandet. Er entdeckte einige Wochen später, dass sich manche Bakterien nicht vermehrten, sondern abgetötet wurden. Penizillin – das erste Antibiotikum war gefunden! Nachdem sie im großen Maßstab hergestellt wurde, konnte man die neue medizinische Wunderwaffe während des zweiten Weltkrieges erstmals gegen Infektionen einsetzen. Das Penizillin rettete bereits unzähligen Menschen das Leben.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gelten Vitalpilze, auch Heilpilze genannt, seit jeher als die wichtigsten Naturheilmittel zur Vorbeugung und Verringerung diverser Krankheitsbeschwerden. Heilpilze sind essbare, medizinisch wirksame Pilze, die in zahlreichen Studien wissenschaftlich gut untersucht wurden und in der westlichen Medizin eine immer wichtigere Rolle einnehmen.

Heilpilze stärken das Immunsystem, regulieren die Darmflora, senken den Cholesterinspiegel, führen zu einer verbesserten Stoffwechsellage, schützen unser Herz-Kreislaufsystem, sind antibakteriell, entzündungslindernd und antitumoral, verbessern den Blutfluss, senken hohe Blutdruckwerte und schützen nachhaltig vor wiederkehrenden Infekten – Schon unglaublich, welche enorme Power und Hilfe in diesen rätselhaften und mysteriösen Wesen steckt.

Der Vitalpilz Schopftintling (Coprinus comatus) oder auch Spargelpilz genannt, ist ein typischer Wald- und Wiesenpilz und für DiabetikerInnen besonders beachtenswert. Er regt die Bauchspeicheldrüse zu einer vermehrten Insulinausschüttung an und trägt dadurch nachweislich zur Regulation und Stabilisierung des Blutzuckerspiegels bei. Er wirkt damit ähnlich effektiv wie Medikamente. Darüber hinaus hat dieser Heilpilz den Vorteil, dass seine Wirkstoffe vor Ablagerungen in den Blutgefässen schützen. 

…könnte ich anderen schmecken und gut bekommen

Winzige einzellige Pilze hatten auch bei der Entstehung unserer Zivilisation einen großen Einfluss. Denn als unsere Vorfahren herausfanden, wie man mit Hilfe von Hefe Brot bäckt und Bier braut, erleichterte ihnen diese Errungenschaft das Überleben und sie wurden sesshaft. Hefen produzieren aus Kohlenhydraten Alkohol und Kohlendioxid. Diese Fähigkeit wird mittlerweile weitgehend in der Lebensmittel- und Getränkeherstellung genutzt.

Wie bereits erwähnt, Herbstzeit ist Pilzzeit. Egal ob selbst gesammelt oder gekauft – Pilze sind einfach köstlich und geben Gerichten eine besondere Note. Ob Champignons, Steinpilze, Eierschwammerl, Austernpilze, Judasohr, Shiitake, Maitake, Löwenmähne oder Mandelpilz – diese wohlschmeckenden Speisepilze gibt es ganzjährig frisch, getrocknet oder tiefgekühlt in gut sortierten Supermärkten und in Asia-Läden zu kaufen.

…könnte ich anderen etwas vorgaukeln

Als Zauberpilze, magic mushrooms oder halluzinogene Pilze werden psilocybinhaltige Pilze bezeichnet, deren Wirkung jener von LSD, eines der stärksten bekannten Halluzinogene, ähnelt. Die Wirkstoffe dieser Pilze beeinflussen die menschliche Psyche, weil sie psychoaktiv bzw. psychotrop sind. Das heißt, sie können beispielsweise unkontrolliertes Gelächter, Freude, Euphorie und veränderte visuelle Wahrnehmungen bewirken. Der Spruch „Du hast wohl narrische Schwammerl gegessen“ ist vermutlich jedem bestens bekannt.

…könnte ich die (Um-)Welt verbessern

Pilze lassen sich, wie kaum ein anderes Nahrungsmittel, mit sehr wenig Energieaufwand, Ressourcen und Platz produzieren. Drei Dimensionen, die weltweit immer begrenzter werden. Daher werden auch effektiv produzierte Nahrungsmittel für unsere Gesellschaft immer wichtiger. Und weil Pilze nicht nur diese Vorteile mit sich bringen, sondern auch viele Nähr- und Vitalstoffe enthalten, können sie in Zukunft ein wichtiges Grundnahrungsmittel darstellen.

Das Reich der Pilze bietet der Menschheit noch weitere gewaltige Vorteile. Die Zahl der Diabeteskranken steigt u. a. auch in vielen Schwellenländern mit aufstrebender Wirtschaft. Was hier allerdings vielfach fehlt, ist das Geld für Medikamente. Wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig herausfanden, lässt sich Insulin mit Hilfe von Hefe kostengünstiger produzieren.

Auch im Kampf gegen Plastikmüll haben Forscher in London durch einen Pilz einen neuen Ansatz gefunden. Die Enzyme dieses Pilzes sollen dabei helfen, Kunststoffe schneller zu zersetzen. Der Pilz kann direkt auf der Oberfläche von Kunststoff wachsen und die chemische Bindung zwischen den Molekülen aufbrechen. Um Plastik in Zukunft zu vermeiden wird außerdem bereits intensiv an Baumaterialien und nachhaltigen Verpackungsmaterialien aus Pilzgeflechten geforscht und gearbeitet.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde es ist schon sehr beachtlich, wie vielfältig Pilze sind und was sie alles draufhaben. Eines ist aber auch klar. Wenn ich ein Pilz wäre, dann könnte ich mir alle diese Gedanken nicht machen und auch niemanden daran teilhaben lassen. Was bin ich doch für ein Glückspilz, ein Mensch zu sein! 

 

REZEPTE ZUM NACHKOCHEN

 

PILZROULADE

NÄHRWERTE PRO PORTION: BE: 0 | kcal/kJ: 138/580 | EW/g: 8 | F/g: 10 | KH/g: 4

300 g Zucchini

30 g Olivenöl

150 g Pilze

200 g Frischkäse (20 % F.i.Tr.)

Salz, Pfeffer

Basilikum

Knoblauch

Zucchini der Länge nach in dünne Scheiben schneiden und in Öl kurz anbraten, damit sie biegsam sind, dann auf Küchenkrepp abtropfen lassen. Pilze in Öl anrösten, bis die Flüssigkeit verdampft ist und auskühlen lassen, anschließend mit Frischkäse, Kräutern und Gewürzen vermischen. Zucchinischeiben auf eine Frischhaltefolie legen, mit der Pilzcreme bestreichen, einrollen und 1 Stunde kaltstellen.

Vor dem Servieren Rouladen eventuell halbieren, falls sie zu breit sind.

BANDNUDELN AUF PILZRAHMSAUCE

NÄHRWERTE PRO PORTION: BE: 2 | kcal/kJ: 217/910 | EW/g: 12 | F/g: 6 | KH/g: 29

150 g Vollkornbandnudeln

Salz

CHAMPIGNONRAHMSAUCE

1 kleine Zwiebel

10 g Rapsöl

125 g Champignons

125 g Austernpilze

250 ml Magermilch

20 g Vollkornmehl

2 EL Sauerrahm

Salz, Pfeffer

Petersilie

2 EL geriebener Parmesan

Nudeln in Salzwasser bissfest kochen. Zwiebel fein hacken und in Öl anrösten, Pilze blättrig schneiden, mitrösten und mit Milch aufgießen. Mehl und Sauerrahm verrühren und zur Masse geben, würzen und kurz aufkochen. Sauce mit Nudeln vermischen und mit Parmesan bestreuen.

TIPP: Auch mit Eierschwammerln ein Genuss.

 

Die Rezepte stammen aus dem Buch „Backen und Kochen für Diabetiker - Genuss ohne Reue mit bewegten Rezepten“
Herausgegeben von Peter P. Hopfinger und Dr. Claudia Francesconi vom Reha Zentrum Alland anlässlich 20 Jahre Diabetes Austria.
Mehr über das Buch erfahren Sie HIER