Risiko Leberzirrhose: „Pioglitazon wird zu selten eingesetzt”
Von Elisabeth Schneyder/ 01-01-2109
Gehässige Kommentare zur üppigen Figur können an der Seele nagen. Das Fett jedoch, das sich im Inneren des Bauchraums sammelt, kann sogar direkt in physische Krankheit münden. Und dies nicht nur, weil Übergewicht das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen steigert. Denn auch die Leber leidet, wenn falsche Ernährung und Bewegungsmangel die Körperfülle in ungesunde Höhen treiben. Wer etwa ständig ein Zuviel an Kohlenhydraten (z.B.: Weißbrot, Nudeln, Kartoffeln, Reis) und Fructose (z.B. aus Softdrinks oder Fertiggerichten) konsumiert, lädt den Diabetes quasi zu sich ein: Die Leber verfettet und schüttet vermehrt Botenstoffe aus, die die Wirkung des Insulins schmälern. Die Bauchspeicheldrüse produziert immer mehr davon, um den Blutzucker trotzdem im Lot zu halten. Bis das System entgleist – und dem Diabetes Tür und Tor auftut.
Ein in unseren Breiten sehr häufiges Phänomen. Nicht umsonst gibt es in Österreich derzeit an die 600.000 Typ-2 Diabetiker – Tendenz steigend.
Und auch diese, bereits Diagnostizierten, tun gut daran, das Thema „Fettleber“ nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn die bedrohliche Tatsache lautet: Expertenschätzungen zufolge leben hierzulande die meisten Typ-2 Diabetiker – in Zahlen: gut 400.000 (!) – mit einer Fettleber. Und Stoffwechselspezialist Prof. Bernhard Ludvik warnt: „Zeigt sich die Leber im Ultraschall schon weißer, als sie sollte, ist Vorsicht geboten. Tritt ein zusätzlicher Schaden auf, droht nicht-alkoholische Steatohepatitis (Anm.: Leberentzündung), die sich zur gefährlichen Zirrhose entwickeln kann“.
Dass nur passionierte Trinker mit dieser fatalen Erkrankung rechnen müssen, trifft also nicht zu. Und, Obacht: Experte Ludvik geht davon aus, dass gut ein Viertel der von Fettleber betroffenen Diabetiker auch an irgendeiner Form der Leberentzündung leidet...
Diabetes-Austria.com befragte den renommierten Spezialisten nach Praxis-Tipps zur Prävention und den besten Behandlungs-möglichkeiten:
Was sollten Diabetiker tun, um ihre Leber zu vor Verfettung, Entzündung und Zirrhose zu schützen?

Prof. Bernhard Ludvik: Den Lebensstil verändern. Dazu gehört etwa, dass man den Konsum einfacher Kohlenhydrate – also etwa Weißbrot oder Nudeln – reduziert, Fructose meidet, die in vielen Softdrinks und Fertiggerichten steckt, und gesättigte Fette weitgehend durch ungesättigte – wie zum Beispiel kaltgepresstes Olivenöl – ersetzt. Empfehlenswert ist hier zum Beispiel ein Umstieg auf mediterrane Küche.
Man muss sich einfach überlegen, wie man seinen Lebensstil dauerhaft ändern kann. Das sollte man Schritt für Schritt angehen. Nicht überambitioniert gleich alles ändern wollen, sondern differenzieren, und sich fragen, was man auch gerne langfristig machen kann. Das sollte man ausschöpfen.
Und ich möchte sagen: Das Wichtigste ist, sich wirklich viel, viel zu bewegen. Auch die Alltagsbewegung, diese berühmten 10.000 Schritte pro Tag, sind ganz wichtig! Und vor allem Diabetiker sollten bedenken, obwohl dies eigentlich für alle gilt: Vergessen Sie nicht, auch die Muskulatur zu trainieren! Damit verbessern Sie nicht nur die Blutzuckereinstellung, sondern verringern auch das Sturzrisiko. Und Sie können dabei auch noch Ihr Gewicht reduzieren.
Es gibt ja Medikamente, die die Zellen wieder sensitiver für Insulin machen und so helfen, Fettleber und nicht-alkoholische Steatohepatitis in den Griff zu bekommen. Welche sind empfehlenswert?
Prof. Bernhard Ludvik: Pioglitazon. Leider wird es zu selten eingesetzt.
Woran liegt das?
Prof. Bernhard Ludvik: Weil sich die Patienten einfach vor der Gewichtszunahme fürchten. Das sind allerdings nur ein paar Kilo. Aber die Leute wollen heute ja eher nicht zunehmen. Die neuen SGLT2-Hemmer und GLP1-Rezeptor-Agonisten hingegen führen heute eher zu einer Gewichtsverminderung. Deshalb werden diese Medikamente häufiger eingesetzt. Aber ich denke, die Wirkung auf die Leber ist bei Pioglitazon besser ausgeprägt.
Und auf welche der neuen Substanzen setzen Sie hier besondere Hoffnungen?
Prof. Bernhard Ludvik: Es gibt klare Hinweise, dass sich auch die neuen SGLT2-Hemmer positiv auf die Leberverfettung auswirken. So macht zum Beispiel unser Zentrum in der Rudolfstiftung auch Studien mit Patienten mit Fettleber und Fettleberentzündung, weil der sich Fokus der Forschung jetzt sehr auf die Leber gerichtet hat. Jede Firma hat in der so genannten Pipeline, also in der Forschungsabteilung, eine Reihe von Substanzen, die in den nächsten Jahren getestet werden und die auf die Leber fokussieren. Bisher standen ja immer Niere oder Herz im Zentrum des Interesses. Inzwischen haben wir die Cholesterinsenkung im Griff und auch für die Niere sehr gute Medikamente. Jetzt ist der nächste Schwerpunkt die Leber.
Warum konzentriert sich die Forschung jetzt auf die Leber?
Prof. Bernhard Ludvik: Weil wir sehen, dass diese nicht-alkoholische Steatohepatitis – also die nichtalkoholische Fettleber-Hepatitis – das Problem der Zukunft sein wird. Weil immer mehr und mehr Patienten eine Zirrhose haben – und dies vorwiegend nicht etwa, weil sie Alkohol trinken.
Studien, an denen wir auch teilnehmen, sind jene zur Wirkung der neuen langwirksamen GLP1-Rezeptor-Agonisten auf die Leber. Da werden wir nächstes Jahr oder in zwei Jahren die Ergebnisse haben.
Pioglitazon ist schon jetzt gut erforscht und bewährt. Mit welchen Nebenwirkungen müssen Patienten rechnen?
Prof. Bernhard Ludvik: Man könnte sagen, Pioglitazon ist inzwischen ein fast altes Medikament. Die Nebenwirkungen sind vermehrte Knochenbrüche, Wassereinlagerungen und Gewichtszunahme. Vor allem bei Frauen steigern sie die Neigung zu Knochenbrüchen. Und manchmal lagern sie Wasser ein, was bei einer vorab bestehenden Herzschwäche dazu führen kann, dass die Patienten ein Lungenödem bekommen. Das muss man sicherlich bedenken. Sie führen auch zu einem gewissen Gewichtsanstieg, aber des Unterhautfettgewebes, also nicht des gefährlichen Fettgewebes im Inneren des Bauchraums. Aber es gibt sehr gute Daten bei Herzinfarkt und Schlaganfall. Und Pioglitazon hat eine günstige Wirkung auf die Leberverfettung.
Kann Pioglitazon auch eingesetzt werden, wenn etwa die Niere krank ist?
Prof. Bernhard Ludvik: Pioglitazon kann sicherlich auch bei jeder Form der Nierenfunktionseinschränkung verwendet werden. Wenn jemand ein Ödem entwickelt, muss man eben die Dosis senken oder das Medikament absetzen. Aber sonst...
Pioglitazon ist ein eher selten eingesetztes Medikament. Es könnte sicher öfter zur Anwendung kommen.
Sind Sie mit der Diabetes-Behandlung in Österreich zufrieden?
Prof. Bernhard Ludvik: Ja, relativ zufrieden. Wir haben alle modernen Medikamente im Erstattungstext. Womit ich allerdings sehr unzufrieden bin, ist die Tatsache, dass man die GLP1-Rezeptor-Agonisten erst ab einem HbA1C von acht Prozentpunkten und einem BMI von über 30 verordnen darf. Das heißt, erst dann bekommt man sie erstattet. Und das ist sicher nicht tragbar, weil diese Medikamentengruppe in neuen Studien gezeigt hat, dass sie bei Patienten das Risiko von Herzinfarkt, Schlaganfall und Herztod verringern kann. Und das darf man den Leuten nicht vorenthalten.
Ist das auch in anderen Ländern so geregelt?
Prof. Bernhard Ludvik: Nein. Die europäischen und amerikanischen Guidelines haben diese Medikamente gleich nach Metformin gelistet. Das können wir gar nicht. Wir müssen vorher noch ein anderes Medikament drin haben. Wir können sie auch nicht gemeinsam mit den SGLT-2-Hemmern verordnen. Und das ist sicherlich etwas, das in Zukunft nicht so weitergehen kann. Wir dürfen unseren Patienten potenziell lebensverlängernde Medikamente nicht vorenthalten und warten, bis sie besonders schlecht eingestellt sind. Denn in dieser Phase verlieren sie natürlich auch an Lebenserwartung.
Diese Erstattungsregel muss einfach geändert werden. Es sind teure Medikamente, das ist richtig. Aber es ist eine Milchmädchenrechnung, weil man genau weiß, dass man durch die Vermeidung dieser Komplikationen im Endeffekt ungeheuer viel einspart, und dass die Medikamentenkosten im Gesundheitssystem im einstelligen Prozentbereich liegen.