Psychosoziale Versorgung ist auch bei Diabetes mehr als ein Add-on!
Die Lebensqualität und die Stoffwechseleinstellung bei Diabetes hängen stark von den psychosozialen Begleitumständen ab. Beratungsanlässe gibt es zuhauf. Spezialisierte Therapeuten werden seit langem ausgebildet. Doch die Versorgung reicht weiterhin nicht aus.
(7.9.2021) - Die Psyche wird gern wie ein Anhängsel somatischer Krankheiten betrachtet. Irgendwie sei ja nachvollziehbar, dass sich eine chronische Erkrankung auch auf die Seele auswirke. Also müsse das Psychosoziale – zusätzlich zum Primat der somatischen Behandlung – wohl therapeutisch mitbedacht werden. Ob Herzinfarkt, COPD oder Diabetes mellitus, das können wir uns doch leisten, so viel Luxus sollte eine moderne Medizin sich auch noch gönnen. Ernsthaft?
Manchmal hilft ein Perspektivwechsel: Aus Sicht von Grundlagenforschern teilen Diabetes und Depressionen einige biologische Ursprünge. Genannt werden ein überaktiviertes angeborenes Immunsystem, resultierend in einer Zytokin-vermittelten Entzündungsreaktion. Der endokrine Regelkreis von Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinden (HPA-Achse) arbeitet fehlerhaft, Stress aktiviert die HPA-Achse. Hyperkortisolismus und Insulinresistenz sind die Folgen.
Strukturelle Gehirnveränderungen
Die Entzündungsmediatoren wirken womöglich direkt auf das Gehirn. Das könnte mit ein Grund dafür sein, warum Depressionen zweimal so häufig bei Menschen mit Diabetes vorkommen wie in der Allgemeinbevölkerung. Sowohl Typ-1-Diabetes wie auch Typ-2-Diabetes haben strukturelle Gehirnveränderungen zur Folge, wie aus Neuroimaging-Studien hervorgeht.
Ein Missverhältnis von ausgeprägtem Arbeitsstress, kleiner Vergütung und geringen Karriere-Chancen wirkt sich negativ auf den Glukosestoffwechsel aus, wie gerade eine dänische Studie ergeben hat (J Psychosom Research 2020; 128: 109867).
Seit mehreren Dekaden sei bekannt, dass psychologische und soziale Faktoren in der Ätiopathogenese des Typ-2-Diabetes eine zentrale Rolle spielen, berichten Professorin Karin Lange von der Medizinischen Hochschule Hannover und ihre Kollegen im „Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2021“.
Psychisches Befinden und Qualität der Stoffwechseleinstellung beeinflussen sich gegenseitig in vieler Hinsicht. So ist das Selbstmanagement von Diabetespatienten abhängig von Kognition, Sozialstatus und Familienstrukturen, von sozialer Unterstützung sowie affektiven Einflüssen und psychischen Komorbiditäten. „Niemand ist alleine krank“, betonen Lange und ihre Koautoren, besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Deren Erkrankung beeinflusst das Leben ganzer Familien.





