Nicht alles hängt an X und Y
Jahrzehntelang hat die Menschheit gedacht, Männer würden häufiger einen Herzinfarkt erleiden als Frauen. Heute weiß man, das ist falsch – nur die Symptome sind andere. Obwohl sich seither viel getan hat, um den „Gender Health Gap“ zu verkleinern, sei es nicht genug, stellt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender-Medizin an der MedUni Wien fest. Doch hängt lange nicht alles von den XX- und XY-Chromosomen ab.
„Gender-Medizin braucht es mehr denn je“, so Kautzky-Willer im Gespräch mit ORF.at. Selbst dort, wo schon viel passiert sei, gebe es immer noch großen Aufholbedarf, die Lücken bei der gesundheitlichen Versorgung zwischen Männern und Frauen zu schließen. Dabei gehe es, so die Einschätzung der Expertin, weniger um die Gynäkologie und Geburtsheilkunde, als um jene Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen – etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nierenerkrankungen, Darmkrebs, Adipositas und Diabetes. „Hier werden Frauen immer noch nicht gleich gut behandelt und haben Therapienachteile“, so Kautzky-Willer. „Das männliche Bild dominiert immer noch.“
Beim Herzinfarkt wissen Medizinerinnen und Mediziner heute, dass die Wahrscheinlichkeit von Fehldiagnosen bei Frauen stark erhöht ist. Häufig treten bei Frauen zum Beispiel gar keine Brustschmerzen auf, dafür aber Bauchschmerzen, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Müdigkeit. Dieses Wissen erleichtert Ärztinnen und Ärzte die Diagnose von Herzinfarkten bei Frauen.
Diagnose und Heilung brauchen bei Frauen oft länger
Dennoch: „Frauen brauchen bei einem Herzinfarkt oft länger, bis sie die richtige Diagnose und die richtige Therapie bekommen“, so Kautzky-Willer. Immer wieder erleiden Frauen mit „normalen“ Angiogrammen nämlich Herzinfarkte, da ihre Arterien häufig nicht blockiert sind und sich zum Beispiel Gefäßverkrampfungen nicht im Angiogramm zeigen. Auch beim akuten Schlaganfall werden Frauen öfter später diagnostiziert und kommen später zur Rehabilitation.
Zumindest aber sei beim Herzinfarkt das allgemeine Bewusstsein etwas höher als bei anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa bei der Herzschwäche: „Vor allem ältere Frauen leiden häufiger an einem steifen Herz, bei dem die Füllphase der Herzleistung beeinträchtigt ist. Da gibt es nach wie vor noch nicht so gute medikamentöse Therapien“, erklärt die Gender-Medizinerin.
Auch bei Diabetes gebe es noch viele Fragezeichen für Frauen. „Wir wissen, dass Diabetes zwar das Risiko der Frau für Herzinfarkte, Nierenerkrankungen und Schlaganfälle stärker erhöht als beim Mann – aber warum? Da gibt es verschiedene Ansätze, doch wir wissen es nicht genau.“





