„Mehr Sport, weniger Zuckerwatte“

Foto: Nicole Seifert
Von Elisabeth Schneyder
Christopher Waxenegger ist Pharmazeut, Fach-Autor – und Typ-1 Diabetiker. Und der 28-jährige Niederösterreicher weiß, wie man’s anstellt, die eigenen Werte im Lot zu halten: Mit Wissen und Genuss anstelle starrer, allgemeiner Regeln.
Schon klar: Das Süßzeug, das er so gern naschte, gibt’s nicht mehr oft. Und wenn, dann nur in kleinen Happen. Und, ja: Sogar die früher so geliebte Zuckerwatte ist jetzt ein seltener Genuss. Aber im Grunde hat Christopher Waxeneggers Lebensqualität seit seiner Diabetes-Diagnose nicht gelitten: „Es gibt kaum etwas, das ich nicht darf.“
Der junge Mann aus dem niederösterreichischen Loosdorf kann jenem Tag vor acht Jahren, an dem Diabetes Typ-1 bei ihm festgestellt wurde, sogar Positives abgewinnen: „Das hat mich zu mehr Sport motiviert. Zuvor bin ich zwar ganz gern laufen gegangen. Aber jetzt mache ich mehr Kraft-Ausdauer-Training. Das hat einen sehr positiven Effekt auf meine Zuckerwerte“.
Eine Tatsache, die Waxenegger ganz konkret belegen kann: „Wenn ich mal aussetzen muss, zum Beispiel wenn ich krank bin, erhöht sich mein Basalwert um rund 50 Prozent. Dauert die Pause länger als ein paar Wochen, steigt er sogar um 100 Prozent“. Und der studierte Pharmazeut weiß auch genau, warum: „Fällt die Bewegung weg, kann der Körper den Zucker nicht über die Muskeln verwerten. Als Diabetiker merkt man das rasch“.
Vier bis fünf Mal pro Woche trainiert Christopher Waxenegger auf seinem Multifunktionsgerät. Damit das Herz-Kreislauf-Training nicht zu kurz kommt, läuft er obendrein gelegentlich auch seine Runden. Obwohl: Seine Wanderlust sorgt sowieso auch für gesundes Workout. Und das Wandern mit seiner Freundin und mit der Familie macht ihm großen Spaß. Egal, ob in der Ebene oder den einen oder anderen Berg hinauf.
Dass ihn die Diagnose erschreckt hätte, kann der Sohn eines Loosdorfer Ärzte-Ehepaars nicht behaupten: „Ich habe damals ja schon studiert und mir war klar, dass man eben die eine oder andere Krankheit bekommen, aber auch damit umgehen kann“.
Recht überraschend dürfte das Ergebnis der Routineuntersuchung allerdings doch gewesen sein. Denn der damals 20-jährige Christopher Waxenegger hatte bis dahin keinerlei Anzeichen bemerkt: „Erst nachträglich fiel mir auf, dass ich öfter Durst gespürt und getrunken hatte. Aber das war alles. Andere Symptome hatte ich nicht“.
Dass der Student von seinen Eltern immer schon zu regelmäßigen Checkups geschickt worden war, hatte sich somit als segensreich erwiesen. Die penible Vorsorge war allerdings nicht allein dem elterlichen Beruf geschuldet. Sie hatte auch einen tragischen Hintergrund: Der ältere Sohn der Familie war schon vor Christophers Geburt an Leukämie verstorben. Ein höchst nachvollziehbarer Anlass also, dem „kleinen“ Bruder und dessen drei Jahre jüngerer Schwester regelmäßige Kontrollen angedeihen zu lassen und beide auf bestmögliche Prävention einzuschwören.
Die Diabetes-Diagnose in der Hand, ging’s für genauere Untersuchung ab zum Facharzt: „Da wurde auch der C-Peptid-Spiegel bestimmt und geprüft, ob die Bauchspeicheldrüse überhaupt noch funktioniert. Dann wurde ich eingestellt“, erinnert sich Christopher Waxenegger.
Anfangs setzte der heutige Fachjournalist auf klassische Pen-Therapie mit Lang- und Kurzzeit-Insulin. Ab 2013 wechselte er dann zur „Pumpe“: „Ich verwende eine Omnipod Patchpump. Da brauche ich mich drei Tage lang um nichts zu kümmern. Schlauchwechsel sind nicht nötig, die Handhabung ist einfach und die Pflege ebenso. Alle drei Tage nimmt man eine neue Patch-Pumpe, sammelt die gebrauchten und schickt sie dann per Post an den Hersteller zurück“. Die Kosten dieser praktischen Insulinversorgung trage die Krankenkasse, schildert Waxenegger, der mit dieser Therapieform und seinem zusätzlichen Dexcom G 6 Sensor hochzufrieden ist.
Der Umgang mit dem Diabetes fiel Christoph Waxenegger von Beginn an leichter als vielen anderen Betroffenen: „Ich hatte als Kind mit Neurodermitis zu kämpfen. Also war ich es ab einem gewissen Alter gewohnt, mich gut um mich selbst zu kümmern. Und ich wusste: Wenn ich das gut mache, dann ist es kein Problem“.
Seine Ernährung habe sich zwar sehr verändert, aber ohne spezielle Diät: „Mit der Zeit weiß man, was guttut und was nicht. Ich habe gelernt, Kohlenhydrate richtig einzuschätzen und zu Vollkorn statt Weißmehl zu greifen. Früher war mir egal, welches Fett ich wähle. Heute verwende ich Oliven- und andere, kaltgepresste Öle, esse fast nie Paniertes oder in Fett Gebratenes“. Sollen es doch mal Pommes Frites sein, lässt Waxenegger diese im Backofen knusprig garen. Außerdem kommt mindestens einmal pro Woche Fisch aus nachhaltiger Zucht auf den Tisch.
Auch was Snacks betrifft, lebt der Pharmazeut inzwischen „leichter“: „Ich esse viel weniger Zwischenmahlzeiten als früher“. Wenn doch, dann legt er Wert auf gesunde Knabbereien wie Gemüsestifte oder Nüsse. Und Christopher Waxenegger hilft sich mit einer Grundregel, die vor zu viel Verlockung aus der eigenen Küche schützt: „Was man erst gar nicht kauft, isst man auch nicht“.
Schottland-Fan Waxenegger, der heute selbst für Fachmedien wie die Apothekerzeitung schreibt, hält sein Wissen stets auf aktuellem Stand. Die Lektüre einschlägiger Literatur zählt sogar zu seinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. Obendrein haben ihm die Jahre, in denen er in Apotheken tätig war, praktische Erfahrung beschert: „Ich habe festgestellt, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Typ-1 und Typ-2 Diabetikern gibt: Typ-2 muss immer am Ball bleiben und immer neu kontrollieren. Deshalb sind der Schock der Diagnose und die Belastung meist größer als für Typ-1. Letztere werden durch die ständige Messung der Werte ja ständig daran erinnert, dass sie dahinter sein und auf sich achten müssen“.
Sich stets um die eigene Krankheit zu kümmern, selbst zu informieren und zu lernen, wie der eigene Körper reagiert, empfiehlt Christopher Waxenegger sowieso allen Diabetikern: „Setzen Sie nicht auf ein fixes Schema! Jeder Organismus ist anders. Man muss selbst zum Experten werden und die Therapie muss zum individuellen Tagesablauf passen. Das geht nur, wenn man sich selbst genau beobachtet – den Körper und die Krankheit also genau kennt“. Dann stehe einem Leben ohne nennenswerte Einschränkungen nichts im Wege. Und dann darf’s gelegentlich auch wieder mal die geliebte Zuckerwatte sein. Als rares, knapp bemessenes Highlight, dafür aber ganz entspannt und mit umso größerem Genuss.