Lebensstil: Jeder hat einen guten Grund für sein Verhalten
Patienten verhalten sich oft anders, als es sich das Diabetesteam wünscht. Wenn sogar individuelle Therapieanpassungen, Appelle und Drohungen nichts bringen und die Betroffenen unter der Obhut immer kränker werden, drängen sich schnell Gedanken auf wie: „Bin ich mit meiner Therapie gescheitert?“ Auf diese Frage gibt es meist eine klare Antwort: nein.
(22.2.2022) - Die Zusammenarbeit mit Menschen mit Diabetes könnte so einfach sein, würde alles „nach Skript“ verlaufen – also so, wie es in den Leitlinien steht. An dieser Stelle darf man sich kurz fragen, wie oft man es im Praxisalltag mit Patienten zu tun hat, die sich mustergültig an alle Therapieempfehlungen halten. Einem Cochrane-Review zufolge tut das nur jede*r Zweite. Selbst wenn man die Empfehlungen individuell anpasst, werden oft nur Teile davon umgesetzt. Das kann auf Seite der Behandelnden schnell zu Frustration, Selbstvorwürfen und einem Gefühl des Scheiterns führen.
Finger weg vom Lebensstil der Menschen
Solche selbst zugeschriebenen Schuldgefühle bekommt die Hamburger Psychologin Susan Clever in ihren Seminaren häufig gespiegelt. Diabetesteams machen sich dafür verantwortlich, wenn sich ein Patient anders entscheidet oder in ihrer Betreuung immer kränker wird. Wie kann man damit umgehen, ohne selbst zu leiden? „Wenn man nicht versucht, den Lebensstil der Menschen anzupacken, wird schon mal alles einfacher“, resümierte der Diabetologe Dr. Alexander Risse aus Berlin. Deshalb gab es von ihm auch keine Tricks, „um Patienten doch noch rumzubekommen“.
Drohen und Plädieren führt häufig zu Reaktanz
Er sieht es ebenso wenig als Scheitern, wenn sich Behandelte nicht „leitlinienkonform“ verhalten. Sie hätten sogar ein Recht darauf. So interpretiere er das im Grundgesetz Artikel 2 verankerte „Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ als ein Recht, sich selbst zu schaden bzw. zu gefährden. Sogar bei lebenswichtigen ärztlichen Maßnahmen garantiere das Grundgesetz ein Recht auf medizinisch unvernünftiges Handeln. „Das muss man den Menschen einfach zugestehen“, so der Diabetologe. „Menschen haben meistens einen guten Grund für ihr Verhalten.“
Etwas falsch mache man jedoch, wenn man das Veränderungsbewusstsein der Einzelnen missachtet. Die Einsicht, dass Veränderung notwendig ist, könne man nicht erzwingen. Alles, was man mit Mahnen, Drohen und Plädieren erreiche, sei psychologische Reaktanz: Die Patienten „mauern“ und „machen zu“. Dr. Risse plädierte daher für mehr Gelassenheit, die man mit ganz einfachen Mitteln testen könne: „Wenn Sie die Lehne Ihres Stuhls nicht mehr spüren, weil sich Ihr Oberkörper immer mehr zum Patienten neigt, machen Sie was falsch.“
Aber man sollte doch motivieren, oder nicht? Problem hierin sieht Prof. Dr. Frank Petrak, Leiter des Zentrums für Psychotherapie Wiesbaden, gewissermaßen zwischen den Zeilen. „Zu etwas motivieren“ impliziere Motivation von außen, also ebenfalls eine Art Drängen. Diabetes als lebenslange Erkrankung bedürfe jedoch intrinsischer Motivation.





