Ketoazidose, normaler HbA1c: Was ist da los?
Ein fulminant beginnender Diabetes kann die Nebenwirkung einer Immuntherapie gegen eine Krebserkrankung sein. Als Erstmanifestation tritt meist eine Ketoazidose auf. Beim DGIM-Kongress wurden die Warnsignale erläutert.
Die Immuntherapie hat die Behandlung vieler Krebserkrankungen grundlegend verändert. Mit Checkpoint-Inhibitoren (CPI) wird die körpereigene Bremse gegen Autoimmunität, die der Tumor als Schutz für sich nutzt, aufgehoben. Damit werden Krebszellen wieder für das körpereigene Immunsystem angreifbar – mit dem Risiko von Autoimmunerkrankungen als Nebenwirkung. So entwickeln bis zu ein Prozent der mit CPI behandelten Krebspatienten einen Autoimmundiabetes, berichtete Dr. Georg Serfling vom Institut für Endokrinologie und Diabetes der Universität zu Lübeck beim virtuellen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).
Der Beginn des Autoimmundiabetes ist so rasch und ausgeprägt, dass bis zu 70 Prozent der Betroffenen als Erstmanifestation eine Ketoazidose entwickeln – mit der Folge einer Mortalität von bis zu fünf Prozent. Patienten mit nachweisbaren Typ-1-Diabetes-assoziierten Antikörpern scheinen einen besonders fulminanten Verlauf des Insulinmangeldiabetes zu haben.
In einer entsprechenden Untersuchung war allerdings unklar, ob die Antikörper schon vorher vorhanden waren oder erst unter CPI-Therapie aufgetreten sind. 85 Prozent der von Autoimmundiabetes Betroffenen haben mindestens ein HLA-Risikoallel für einen Typ-1-Diabetes. Der CPI-assoziierte Autoimmundiabetes tritt häufig innerhalb von ein bis drei Monaten nach Beginn der CPI-Therapie auf, kann aber auch erst nach einem Jahr beginnen.
„Kontrolle hilft wenig“
Die Kontrolle des HbA1c hilft wenig bei der Früherkennung. Da der Autoimmundiabetes so schnell beginnt, kann er bei Ketoazidose noch im Normbereich, meist jedenfalls unter neun Prozent liegen, während er bei Erstmanifestation eines Typ-1-Diabetes oft zehn bis 13 Prozent erreicht. Die meist nicht nüchtern erfolgende Blutzuckerkontrolle beim Onkologen hat keinen Stellenwert für die Früherkennung des Insulinmangeldiabetes vor Ketoazidose. Entscheidend ist Serfling zufolge die Aufklärung und Schulung der Patienten über mögliche Symptome wie Polyurie und Polydipsie.
Wird ein CPI-assoziierter Autoimmundiabetes diagnostiziert, muss die Immuntherapie der Krebserkrankung nicht unterbrochen werden, betonte er: Die Betazellen sind bereits irreversibel zerstört. Eine Steroidtherapie ist nicht indiziert. Wie bei einem Typ-1-Diabetes muss lebenslang eine Insulintherapie erfolgen. Eine Restfunktion der Betazellen ist meist nicht vorhanden, das C-Peptid nicht messbar.
Aufklärung und engmaschige Kontrolle
Erhalten Patienten mit einer Diabeteserkrankung oder einem Prädiabetes wegen einer Krebserkrankung eine CPI-Therapie, verschlechtert sich bei etwa jedem Zehnten die Stoffwechsellage rasch, ergänzte Serfling. Darüber sollten diese Patienten aufgeklärt und im Verlauf engmaschig kontrolliert werden.
Auch bei Krebspatienten ohne Diabetes kann der HbA1c unter CPI leicht ansteigen. Möglicherweise wird durch die mit den CPI ausgelöste Inflammationsreaktion die Insulinresistenz gesteigert.
Quelle: Ärzte Zeitung





