„Ich lebe mit, aber nicht für den Diabetes“

Es war im Zuge einer Mandeloperation, der sich der damals siebenjährige Sohn einer Friseurin und eines Verkehrsbüro-Beamten unterziehen musste. Die Diagnose Diabetes kam aus heiterem Himmel. Denn Gerhard Hlavacek hatte bis dahin keinerlei Beschwerden: „Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendetwas seltsam gewesen wäre. Insulin spritzen musste ich dann allerdings sofort“. Anno dazumal waren es noch martialisch dicke Nadeln, mit denen das nötige Insulin injiziert werden musste und Zuckerwerte wurden mittels Harn-Tests in speziellen Fläschchen gemessen. Teststreifen dafür gab’s erst Jahre danach. Von Messgeräten, wie’s sie heute gibt, konnten Diabetiker damals sowieso höchstens träumen.
Und doch: Der junge Neo-Diabetiker kam gut mit seinem Los zurecht. „Die fixen Essenszeiten waren mit Schule, Großeltern und Eltern perfekt ausgemacht. Von kleinen Einschränkungen abgesehen, hab’ ich eigentlich nie ein Problem gehabt“, schildert der heute 74-jährige Wiener. Dass er auf Schullandwochen oder Schikurse verzichtete, sei in erster Linie eine familiäre Entscheidung gewesen: „Das wäre wegen der Essensregeln und der Spritzen ja nicht so gut gewesen. Hätte ich aber mitfahren wollen, hätte ich’s auch gedurft“.
Auch sonst hat es der Zucker nie geschafft, Gerhard Hlavacek von etwas abzuhalten, das ihm Freude macht: „Manche glauben ja leider sogar heute noch, dass man mit Diabetes nicht auf Urlaub fahren kann. Ich reise jedes Jahr zwei Mal – einmal groß und einmal mit dem Auto. Mit dem Autofahren hab’ ich früh begonnen und bin zum Beispiel mit dem Fiat 600 und dem Zelt gleich nach Sizilien gedüst. Sowas war niemals Problem“.
Hongkong, Malediven, Guatemala, Mexiko, Mauritius und mehr: Die Reiselust hat er von seinem Vater geerbt, wie er meint. Den Beruf indes hat er von seiner Mutter übernommen: „Ich bin in der vierten Klasse Mittelschule ausgestiegen. Weitermachen hätte keinen Sinn gehabt, weil die meisten Unternehmen bei der Jobvergabe damals auf einem abgeleisteten Wehrdienst bestanden, das Bundesheer mich aber wegen dem Diabetes nicht genommen hätte“.
Seine Lehre hat der seit 1968 glücklich verheiratete Gerhard Hlavacek ohnehin gern absolviert, sich danach als Friseur selbständig gemacht, und schließlich noch eine Ausbildung zum Fußpfleger angeschlossen – mit dem speziellen Zusatzfach „diabetischer Fuß“.
"Ich habe schnell festgestellt, wie wichtig Wissen über die eigene Krankheit ist"
So blieb er auch in regelmäßigem Kontakt mit anderen Diabetikern, die zahlreich als Kunden zu ihm kamen: „Da hab’ ich viel gehört und auch festgestellt, wie wichtig Wissen ist. Mein Rat an andere Betroffene ist: Man sollte sich mit der eigenen Krankheit gut auskennen. Ich meine, man muss nicht wissen, wie die Leber genau funktioniert. Das ist Sache der Ärzte. Aber wie das mit dem Insulin, den Broteinheiten und dem eigenen Bedarf ist, sollte schon klar sein. Dann ist man selbst sein eigener, bester Arzt. Für manche wiederum ist allerdings der Zucker DAS Problem, um das sich alles dreht. Da sag’ ich: Ich lebe mit, aber sicher nicht für den Diabetes!“
Im Grunde hat sich Hlavacek zeitlebens medizinisch gut betreut gefühlt. Obwohl: Manches lief nicht ganz so gut, weil man, wie er versöhnlich sagt, „in den 1950er Jahren noch nicht so viel wusste wie heute“. Da habe „halt jeder etwas ausprobiert“. So auch ein Arzt, der sicher war, den damals neunjährigen Buben mittels Mayr-Kur von seiner Insulinpflicht zu befreien: „Nach rund acht Wochen mit trockenen Semmeln, Milch und Massagen der Bauchspeicheldrüse bin ich im Spital in Lainz gelandet – im Koma und mit irrwitzig hohen Zuckerwerten“. Auch ein weiterer Versuch im Nuhr-Zentrum in Senftenberg verlief für das Kind Gerhard Hlavacek nicht, wie erhofft: „Die Eigenblutinfusionen waren auch nicht von Erfolg gekrönt, aber dort war’s wenigstens nicht so streng“, scherzt er gelassen. Vom vorangegangenen Kur-Ergebnis schon gewarnt, blieb’s diesmal jedoch zum Glück ohne Koma-Folge.

An zwei andere Aufenthalte, die dem diabetischen Buben helfen sollten, erinnert sich Gerhard Hlavacek indes tatsächlich gern: Von den Rot-Kreuz-Sommerlagern 1950 in Hörndlwald und 1956 in Mariazell hat er bis heute Schwarz-Weiß-Bilder, die seine damaligen Kindergruppen zeigen. Alte Fotos, auf denen leider keine Namen stehen: „Ich glaube, meine Gruppe hieß ,die Frösche’. Ich wüsste so gern, wie es den anderen heute geht, die damals mit mir dort waren. Es wäre schön, da von jemandem zu hören“, sinniert der fitte Pensionist. Doch Social Media gab es seinerzeit noch lange nicht, was die Suche nach ehemaligen Kameraden leider äußerst schwierig macht.
„Beim ersten Mal, in Hörndlwald, bin ich am Anfang ausgebüchst. Aber ich war bald wieder zurück und dann hat es mir gut gefallen. Ich war halt so verwöhnt von meinen Eltern, wegen dem Diabetes. Sie haben mich deswegen immer sehr geschont. Heute denk’ ich, sie hätten mich ruhig ein bisschen mehr fordern können“, lacht Hlavacek.
Er selbst nahm’s mit der Schonung nie sehr ernst. Schifahren, Karate, Dolomitenwandern, große Reisen... Aus der Dominikanischen Republik hat er sich einen Hund mit nach Hause geholt und sich in der Folge intensiv mit Hundesport befasst: „Ich hatte fünf wirklich tolle Hunde“.
Erst in späteren Jahren ging er’s etwas ruhiger an, ließ mit 50 das Rauchen sein und meint heute überaus entspannt: „Hypos spüre ich meistens rechtzeitig. Meine Frau sieht auch, wenn einer droht, und warnt mich dann. Sie hat immer frisch für mich gekocht. Die Broteinheiten hab’ ich nach all den Jahren im Griff. Und ich gehe immer wieder auf REHA, wo man auf den optimalen Stand gebracht und korrigiert wird“.
Ein früherer Kur-Aufenthalt habe ihn besonders viel gelehrt: „Da sind wir mit leeren Tellern ans Buffet geschickt worden und mussten uns selbst Beilagen aufladen. Die wurden dann gewogen und angepasst. So bekommt man ein gutes Gefühl für Mengen und BEs. Sonst ist es schließlich gar nicht einfach. Wer weiß denn sonst schon einfach so, was zum Beispiel drei Deka Nudeln sind?“
Ähnliches komme heute nicht mehr vor, bedauert Hlavacek. Auch dass eine Umstrukturierung bei den „Aktiven Diabetikern“ den Turn-Sessions in Wien, die er so gern zwei Mal pro Woche mit seiner Frau besuchte, ein Ende gesetzt hat, tut ihm leid: „Das war immer sehr fein, mit Bällen, Bändern und vielem mehr. Hat wirklich gutgetan. Und danach haben wir uns in der Konditorei ,Aida’ ein Stück Torte geteilt, damit ich keinen Hypo kriege“. Auf Bewegung setzt der zufriedene Diabetiker natürlich trotzdem weiterhin: „Jetzt bleibt’s halt bei Gartenarbeit, Hometrainer und Rad“.
Mit zweimal täglich NovoMix und seinem Pen kommt Gerhard Hlavacek gut zurecht. Ist der Zuckerwert mal höher, wechselt er vom gewohnten Mischverhältnis 30 : 70 auf eine Halbe-Halbe-Variante von schnellem und langsamem Insulin. Für ihn klappt dies so perfekt, dass er die Idee, eine Insulin-Pumpe zu verwenden, bisher stets verworfen hat: „Die Ärzte meinten auch, dass ich’s nicht brauche, wenn es so doch schon wie am Schnürchen läuft“. Das tut es. Und wenn man Gerhard Hlavaceks so ruhig und heiter geschilderten Erfahrungen lauscht, wird klar: Es lohnt sich, nicht FÜR, sondern bewusst und entspannt MIT Diabetes zu leben.