„Ich bin der dienstälteste Diabetiker der Steiermark!“

Mag. Klaus GERHOLD hat seit 75 Jahren Diabetes
Im Oktober 1944 kam ein Flüchtling aus Siebenbürgen im evangelischen Pfarramt in Linz/Donau vorbei. Er suchte einen diabetischen Landsmann, der noch vor ihm vor den Russen geflohen war. Ihm sollte der Suchende einen größeren Vorrat diverser Insuline übergeben. Trotz aller Bemühungen konnte dieser Siebenbürger nicht gefunden werden. Mein Vater, Jahrgang 1910, war im Frühjahr 1939 an Diabetes Typ 1 erkrankt! Meine Eltern konnten dem Siebenbürger den Insulin-Vorrat abkaufen, der unser Leben bis Juni 1945 rettete! Dann gab es wieder Insulin.
Bei mir wurde Diabetes Typ 1 am 13.9.1942 im Diakonissenkrankenhaus Linz manifestiert. Die Mutter meines Vaters verstarb im Dezember 1917 an Lungenkrebs und Diabetes. (Insulin war damals noch nicht verfügbar).
Nach mir kamen - bis 1958 - noch 3 Buben und 2 Mädchen in unsere Familie. Die fünf Geschwister, deren 14 Kinder und bis heute 19 Kindeskinder, sind - ebenfalls bis heute - gesund!! Dass ich - bis auf den Diabetes - ebenfalls gesund und munter bin, dass bei mir Wunden und Infektionskrankheiten fast schneller heilen als bei meinen Geschwistern, führe ich vor allem auf die gesunden GENE meiner Eltern zurück.
Auch bei meinen schweren Operationen (u.a. Halswirbelsäule, 2x LW-Säule 2010 u. 2011) gab es nie Komplikationen.
Laut neueren Statistiken (Med.Uni. Graz) bin ich mit über 75 Jahren Diabetes-Dauer der "dienstälteste" Diabetiker der Steiermark und einer der 10 "Dienstältesten" Österreichs! Dass es mir so gut geht, habe ich vor allem auch meiner lieben Frau Hilde, die diplomierte MTA i.P. ist, zu verdanken! 2016 konnten wir- altersbedingt gesund - unsere GOLDENE Hochzeit zusammen mit der SILBERNEN unserer einzigen Tochter feiern!
Unsere Großfamilie ist seit 1956 in Graz, wo ich 1958 am Akademischen Gymnasium maturierte. Meine Eltern ermöglichten es, dass wir sechs Kinder alle studieren konnten, was finanziell sicher nicht leicht war! Es sind alle vier (alten) Fakultäten vorhanden! Ich konnte sogar zwei Studien absolvieren: Mathematik-Physik-darstellende Geometrie und etwas später - neben dem Bankberuf - noch JUS! Mein 33-jähriges Berufsleben in der Hypo-Bank Steiermark schloss ich 1995 als Bankfilial-Direktor ab.
Ich wuchs, wie mein Vater, die ersten 42 Diabetiker-Jahre "konservativ" auf und war mit all den "Grauslichkeiten" dieser Epoche konfrontiert. Vor allem die schweren und schwersten Hypoglykämien, meist nachts, hinderten mich oft mehrere Tage am Schulbesuch. Aber als Bub - wir wohnten von 1946 bis 1956 auf dem Land in der Nähe von Linz - habe ich mir - wie auch später - nichts abgehen lassen und auf nichts verzichtet, weder essens- noch bewegungsmäßig! Wenn ich es genau bedenke, habe ich NIE DIÄT gehalten - später auch nach der Direktive vom REHAB-Zentrum Aflenz, wo das Wort "Diät" aus dem Vokabular für Diabetiker entfernt wurde (OA. Dr. Silvester BERGER!). Ich konnte von 1987 bis 2012 insgesamt 12x an Rehab-Kuren teilnehmen und habe dort auch - nach längerem Zögern - von OA. Dr. BERGER ("Pumpenpapst") 2006 meine erste Insulin-Pumpe erhalten. Dadurch hat sich mein HbA1c-Wert konstant auf 6,25 -6,5 eingependelt. Meine tägliche BE-Menge beträgt zwischen 10 und 15 BE, mit kleinen "Ausnahmen" nach oben! Mein langjähriges Analog-Insulin (für die Pumpe) ist das NOVO-Rapid mit durchschnittlich 35 Insulineinheiten. pro Tag (BASAL und BOLUS!). Als Korrektur-Insulin verwende ich das LILLY- HUMALOG-Insulin (sehr rasch wirkend (per PEN!).
Natürlich habe ich nach 75 Jahren Diabetes eine autonome Polyneuropathie! Ich spüre auch sehr tiefe BZ- Werte nicht mehr (z.B. 25 oder 30 mg), kann aber trotzdem selbst Gegenmaßnahmen ergreifen (Traubenzucker). Ich habe einen verminderten Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn, vermindertes Temperaturempfinden an Händen und Beinen. Nicht betroffen sind meine Augen! Nach einer einmaligen Laserung vor 35 Jahren (einzelne Blutpunkte auf der Netzhaut) hat sich nichts mehr geändert! Ich gehe 2x jährlich zur Augenarzt-Kontrolle. Auch die Kurzsichtigkeit ist seit dieser Zeit gleichgeblieben. Mein Gehörsinn ist altersbedingt etwas eingeschränkt (2 Hörgeräte). Außerdem hatte ich 1987 eine sehr ausgedehnte schmerzhafte Gürtelrose (Herpes Zoster), an deren immer wieder auftretenden Schmerzen ich doch sehr leide, diese aber mit VOLTAREN 100 mg sehr gut bekämpfbar sind.
In unserer "Freizeit" reisen wir noch immer gern per Reisebüro und Busfahrt: Kroatien, Slowenien, Italien, aber auch Tagesfahrten per Bus in die nähere Umgebung sind unsere "Tapetenwechsel. Seit 2007 haben wir kein Auto mehr und seit 2014 fahre ich auch nicht mehr mit dem Fahrrad. Mit ÖFFIS kommt man doch überall hin!?
Noch zu einer medizin-technischen Neuerung: Es gibt seit Anfang 2017 ein neues "Blutzuckermessgerät" in Österreich! Es nennt sich „FreeStyle Libre" von der Fa. ABBOTT und misst natürlich nicht den Blutzucker, sondern den Bindegewebszucker. der mit einigen Minuten Zeitdifferenz gleich hoch wie der Blutzucker ist! Ich verwende es seit April 2017 und kann dadurch - bei ca. 15 Messungen pro Tag bzw. 3 Messungen nachts - unwahrscheinlich genau die Zuckerwerte kontrollieren. Dieses Prinzip der Messung wird sicher mit der Zeit alle Blutzucker-Messgeräte (mit Streiferln) ersetzen (müssen)!!
Psychisch hatte ich Zeit meines Lebens keine Probleme! Da mein Vater ja auch Diabetiker war - er starb friedlich mit fast 85 Jahren - hat sich die Frage: "Warum gerade ich??" gar nie gestellt. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, eine Jugend voller Erlebnisse (damals!) und auch das Erwachsenwerden geriet ganz passabel, immer getragen von der Großfamilie, die auch heute noch der gemeinsame Hafen für uns alle ist!
Ad multos annos!
Mag. jur. GERHOLD Klaus Martin