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Hartnäckige Vorurteile bei Typ-2-Diabetes - Halbwahrheiten und Falschaussagen

Viele Vorurteile bei Diabetes halten sich hartnäckig. Einige dieser falschen Vorstellungen werden vom Diabetes-Experten Hellmut Mehnert richtiggestellt.

Halbwahrheiten und Falschaussagen

Von Prof. Hellmut Mehnert

Immer noch wird Typ-2-Diabetes häufig fälschlicherweise als milder Alterszucker dargestellt. Diese Diabetesform (eben nicht Altersdiabetes!) geht nach Studiendaten per se mit einer deutlich erhöhten kardiovaskulären Mortalität einher.

Zuckerkranke ohne vorangegangenen Herzinfarkt haben nämlich bereits ein ähnlich hohes Infarktrisiko wie Nicht-Diabetiker mit vorangegangenem Infarkt.

"Harnzuckerselbstkontrolle statt Blutzuckerselbstkontrolle, schon aus Kostengründen."

Auch das ist grundfalsch: Mit der Harnzuckerkontrolle lassen sich weder Hypo- und Hyperglykämien noch Blutzuckertrends feststellen. Diese Art der Glucosekontrolle ist natürlich erst recht unsinnig bei bewusst herbeigeführter Glucosurie mit einem SGLT2-Hemmer.

"Der HbA1c-Wert sollte stets um 6,5 Prozent liegen."

So niedrige Werte können auf Dauer bei älteren übergewichtigen Patienten mit kardiovaskulären Diabetesfolgen schädlich sein. Das haben die Studien ACCORD, ADVANCE und VADT gezeigt.

Angezeigt ist eine individuelle Therapie mit milderen Kriterien bei multimorbiden alten Patienten (HbA1c 7,5 - 8,5).

"Die Hyperinsulinämie bei metabolischem Syndrom zeigt, dass kein Insulinmangel vorliegt, sie induziert die Insulinresistenz."

Auch das ist falsch. Ein Insulinmangel liegt trotzdem vor. Die Hyperinsulinämie ist ein letzter, unzureichender Versuch der Betazellen, die Hyperglykämie abzuwenden.

Es kommt eben dann doch zu einem relativen Insulinmangel. Die Insulinresistenz in ihren Ursachen hat nichts mit einer Hyperinsulinämie zu tun, auch wenn sie vorübergehend eine kompensatorische Mehrausschüttung von Insulin bewirkt.

"Die LOOK AHEAD-Studie hat gezeigt, dass sich Interventionen mit gesunder Ernährung und viel Bewegung nicht lohnen."

Diese Fehlinterpretation der bisher größten Langzeitstudie zu Lebensstil-Änderungen bei Diabetes ist weit verbreitet. Die Studienergebnisse hatten zwar enttäuscht: Trotz günstiger Modifikation von Risikofaktoren wurde die Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen in zehn Jahren nicht entscheidend verringert.

Ein kleiner, aber nicht signifikanter Vorteil im Hinblick auf kardiovaskuläre Komplikationen war für die Prüfgruppe aber doch vorhanden. Dies gibt zu denken: Auch in der UKPDS-Studie hatte sich die günstige Beeinflussung der Makroangiopathie nach zehn Jahren noch nicht eingestellt - aber später umso mehr!

In der LOOK AHEAD-Studie besserte sich in der Interventionsgruppe zudem signifikant die Mikroangiopathie (Nephropathie), die Depressionsrate ging um 20 Prozent zurück, Schlafapnoen wurden reduziert und die Fitness gesteigert. Auch kam es zur Einsparung von Medikamenten.

"Jeder Diabetiker soll viele kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, um starke Blutzuckerschwankungen durch große Portionen zu vermeiden."

Auch das gilt allgemein nicht mehr. Häufige kleine Mahlzeiten werden heute nur noch bei Mischinsulintherapie empfohlen mit zweimaliger Injektion sowie bei sehr instabilem Diabetes. Hier gilt es, in den Phasen zwischen den Spritzen Hypoglykämien zu vermeiden.

Das Gebot vieler kleinen Mahlzeiten ist im Hinblick auf den Blutzucker unnötig und besonders bei Typ-2-Diabetes obsolet: Sollen übergewichtige Patienten täglich nur 1200 Kalorien zu sich nehmen, machen sechs "Spatzenportionen" nur Appetit auf mehr.

Trotzdem sollen natürlich postprandiale Hyperglykämien vermieden werden, was man nur mit Blutzuckerselbstkontrollen feststellen kann.

Prof. Hellmut Mehnert

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Weitere Missverständnisse bei Typ-2-Diabetes

Typ-2-Diabetes bekommen nur alte Menschen

Meist tritt Typ-2-Diabetes im (höheren) Erwachsenenalter auf. Heute erkranken aber auch immer mehr Kinder und Jugendliche an Typ-2-Diabetes, und zwar wenn sie übergewichtig sind.

Ein bisschen zu viel Zucker im Blut, schadet nicht

Ist der Blutzuckerspiegel über längere Zeit erhöht, kann das sehr wohl Schaden anrichten - auch wenn die Erhöhung nur gering ist. Der Zuckerüberschuss im Blut schädigt die Gefäße und führt zu einer Arteriosklerose, und damit unter anderem zu Herzinfarkt und Schlaganfall.

Alle Diabetiker sind dick

Die meisten Typ-2-Diabetiker sind tatsächlich übergewichtig, aber nicht alle. Denn auch andere Faktoren spielen bei der Krankheitsentstehung eine Rolle (z.B. Veranlagung). Bei anderen Formen von Diabetes (wie Typ-1-Diabetes) haben sogar viele Betroffene Normalgewicht.

Typ-2-Diabetes bekommt man, wenn man zu viel Süßes ist

Das ist nicht unbedingt so. Wer aber viel Schokolade & Co. isst, nimmt leicht zu. Und Übergewicht ist eine Hauptursache von Typ-2-Diabetes. Bei Typ-1-Diabetes dagegen spielt der Konsum von Süßigkeiten als Krankheitsursache keine Rolle.

Diabetiker müssen eine spezielle Diät einhalten

Das galt früher. Heute wird Diabetikern die gleiche ausgewogene Mischkost empfohlen wie Gesunden: komplexe Kohlenhydrate (wie Vollkornwaren, Kartoffeln), wenig Zucker, Ballaststoffe, ungesättigte Fettsäuren, tierische Eiweiße in Maßen, Obst und Gemüse. Diabetiker müssen dabei die Kohlenhydratmenge und bei Übergewicht auch die Kalorien im Auge behalten.