Frühlingsgefühle – und zwar jetzt!
Von Gabriele Kuhn*
Alles auf Anfang – die Februar-Sonne verrät schon, dass etwas in der Luft liegt. Dass es endlich wieder an der Zeit ist, den Rollkragenpulli gegen Luftigeres und Lustigeres auszutauschen. Blumen! Schmetterlinge! Zartes Grün! Lebensfreude. Und dass wir uns wieder verlieben könnten – wenn schon nicht in einen anderen Menschen, so zumindest in uns selbst. Oder unser Da-sein an sich.
Dass der Frühling auch immer etwas mit Erotik und Liebe zu tun hat, wissen wir. Von Frühlingsgefühlen ist jedes Jahr die Rede – und von einer Art Hormonrausch. Wissenschaftlich nachgewiesen ist allerdings nicht, dass die Sexualhormone beim Menschen in dieser Jahreszeit tatsächlich in die Höhe schnalzen und für die kollektive Brunft sorgen. Aber was sehr wohl eine Rolle spielt: das Licht. Je mehr Sonne, desto weniger Melatonin – jenes Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus bestimmt. Je intensiver das Licht, desto weniger davon wird produziert. Wir wachen endlich wieder auf (zumindest, nachdem die Frühjahrsmüdigkeit vorbei ist). Außerdem beeinflusst das Licht die Produktion der sogenannten Wohlfühlhormone Dopamin und Serotonin. Ersteres wird als „Botenstoff des Glücks“ genannt, zweiteres beeinflusst unsere Stimmung stark. Beide feiern jetzt quasi eine kleine Orgie.
Zurück zu den Gefühlen: Wer Frühling sagt, träumt oft davon, sich zu verlieben. Und schon beginnt das nächste große Sehnen – nach einer neuen Partnerin, einem neuen Partner. Un-be-dingt! Eh schön. Und trotzdem heikel: Weil wir schon wieder etwas haben wollen, statt einfach im Moment zu bleiben, um zu genießen. Blöd. Denn was, wenn’s nicht funktioniert? Wie wär’s daher zur Abwechslung, alles anders und neu zu denken – um zunächst bei sich anzufangen? Hey, du! Guten Morgen. Aufwachen! Den Körper aus dem Winterschlaf küssen, ihn hegen, pflegen, liebkosen. Gut für ihn sorgen. Auch das ist eine Art erotischer Zuwendung. Sich etwas gönnen – neue Unterwäsche, neue Körperlotion, Sport, Bewegung, frische Luft. Und frische Lust in Form von „Sexual Selfcare“. Weshalb also kein Schäferstündchen mit sich allein? Ja, richtig gelesen: Das ist eine Aufforderung zur Selbstbefriedigung! Nach wie vor ein bisserl ein Tabu, aber doch auch schon salonfähig, wie das gigantische Angebot an Sextoys zeigt, das den Markt flutet. Also zugreifen, vor allem, weil es für alle Bedürfnisse etwas gibt. Für Frauen und Männer, für jeden Körperteil und für alle Sehnsüchte. Weil ein Orgasmus nicht nur fein und gesund ist, sondern auch zutiefst entspannt. Weil er Licht in den Körper beamt – und für den gewissen „Glow“ sorgt, auf der noch blassen Winterhaut. Andere Menschen nehmen das wahr – und schon strahlt der Frühling nicht nur für uns, sondern auch in uns.
Mehr denn je geht es also darum, etwas zu tun. Aktiv zu werden. In diesem Moment. Auf nix mehr zu warten, sondern einfach loszulegen. Sich mögen, für sich sorgen, es sich gut gehen lassen – und wenn es nur bei einem Cappuccino irgendwo draußen im Freien ist (Flirt nicht ausgeschlossen). Oder bei einem Waldspaziergang, bei dem die Erde unglaublich intensiv duftet und das erste Schneeglöckchen winkt. „Der Frühling ist eine Auferstehung, ein Stück Unsterblichkeit“, schrieb der große amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau. Genau darum geht’s in diesen Tagen: der Endlichkeit einen fulminanten Anfang entgegenzusetzen. Es gibt keinen Grund, damit nicht sofort zu beginnen.

*Gabriele Kuhn ist seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressortleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin der Lebensart. Seit 2017 Autorin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Und damit's nicht fad wird, schreibt sie seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox - Szenen einer Redaktionsehe" gemeinsam mit ihrem Mann Michael Hufnagl, ebenfalls Journalist. Außerdem: Autorin dreier Bücher.
Für Diabetes Austria schreibt sie Kolumnen rund ums Thema Liebe, Sex und Diabetes.
Tipp: Der Podcast „Schatzi, geht’s noch?“ vom Journalistenpaar Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl erscheint jede zweite Woche und ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen zu hören.