Diese Antidiabetika helfen dem Typ-2-Diabetiker auch beim Abnehmen

Foto: Veronika Kub
Diabetologe Prim. Dr. Christian Schelkshorn über neue Antidiabetika, die das Bluzuckermanagement deutlich erleichtern und die notwendige Gewichtsreduktion unterstützen
Der Diabetologe Dr. Christian Schelkshorn, Leiter der 1.Med im Landesklinikum Stockerau, beobachtet die aktuellen pharmakologischen Entwicklungen zur Behandlung von Typ 2-Diabetes. An dieser Stoffwechselerkrankung leiden 90 Prozent aller Diabetiker: ihre Bauchspeicheldrüse produziert zwar Insulin, es kann aber von den Körperzellen nicht oder nicht ausreichend aufgenommen werden, sodass die über die Nahrung eingenommenen Kohlenhydrate nicht in Energie umgewandelt werden – ein hoher Blutzucker ist die unmittelbare Folge. Ursachen für den Typ 2 Diabetes sind oft Bewegungsarmut und Fettleibigkeit. Das Interview führten Peter P. Hopfinger und Peter Illetschko.
Herr Dr. Schelkshorn, Sie zeigten sich zuletzt von Studien begeistert, die während des jüngsten EASD Kongresses im Herbst 2021 präsentiert wurden. Was war die Ergebnisse dieser Studien?
Schelkshorn: Beim jährlichen Treffen der EASD (European Association for the Study of Diabetes) wurde klar, dass die vor Jahr vielversprechend begonnene Geschichte der Inkretin-Therapie für Typ-2-Diabetiker und Diabetikerinnen erfolgreich weitergeht. Mit Entwicklungen, die eine entscheidende Verbesserung des Blutzuckerspiegel-Managements ermöglichen sollten. Dazu muss man wissen: Inkretin ist auch im gesunden menschlichen Körper vorhanden. Die Insulinausschüttung über die Betazellen der Bauchspeicheldrüse wird über das im Darm gebildete Inkretinhormon Glucagon-like Peptid 1 (GLP-1) gesteuert. Das Enzym Dipeptidylpeptidase IV (DPP-IV) baut das Hormon im Normalfall wieder ab. Die Gabe von DPP-IV-Hemmern wie Sitagliptin, Saxagliptin, Vildagliptin und Linagliptin verzögert diesen Vorgang und ermöglicht damit eine bessere Insulinzufuhr. Das Medikament eignete sich für Diabetiker und Diabetikerinnen, die mit Metformin allein den Blutzucker nicht ausreichend senken konnten.
Hatte das Medikament relevante Nebenwirkungen?
Schelkshorn: Es zeigte keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, es hatte aber auch keine zusätzlichen positiven Effekte und war hinsichtlich des Spätfolgenprofils – man bedenke die kardiovaskuläre Problematik bei schlecht eingestellten Diabetikern – neutral.

Foto: Veronika Kub
Welche Effekte würden Sie sich wünschen?
Schelkshorn: Typ2-Diabetiker sind oft übergewichtig, da wäre eine Unterstützung für das Ziel Gewichtsreduktion natürlich wünschenswert. Es ist nicht immer möglich, allein durch Änderung des Lebensstils deutlich weniger Kilo auf die Waage zu bringen. Der nächste wichtige Schritt waren daher GLP1-Rezeptor-Antagonisten, Injektionstherapien, die eine deutlichere Blutzuckersenkung möglich machten – und eine Gewichtsreduktion unterstützten. Auch die kardiovaskulären Risikofaktoren wurden so eingedämmt. Liraglutid hat zum Beispiel mit dem Handelsnamen Saxenda vom dänischen Arzneimittelhersteller Novo Nordisk bei Adipositas hohe Wirksamkeit gezeigt. Injiziert wird das Medikament einmal täglich. Mittlerweile gibt es Semaglutide, bekannt unter dem Handelsnamen Ozempic von Novo Nordisk oder auch Dulaglutide (Trulicity®) von Ely Lilly Diese Medikamente muss man nur mehr einmal wöchentlich injizieren, das ist eine große Erleichterung für jeden Typ-2-Diabetiker. Man kann es auch mit Metformin und SGLT2 Hemmer oder Insulin kombinieren.
Sie hatten als Teilnehmer des EASD den idealen Überblick über Neuentwicklungen im Bereich der Antidiabetika. Welche Neuigkeiten gibt es darüber hinaus zu berichten?
Schelkshorn: Wirklich sensationell sind die Ergebnisse von klinischen Studien der Phase III mit dem GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten Tirzepatid, er kombiniert die Wirkung zweier Inkretine und ist damit vielen anderen Medikamenten deutlich überlegen was die Gewichtsabnahme betrifft. Die Patienten nahmen während der Studie bis zu 10 Prozent Körpergewicht ab, der Glukoselangzeitwert Hba1c war ebenfalls deutlich besser als zuvor. Darüber hinaus dürfte Tirzepatid auch die Entfettung der Leber vorantreiben - Dieses Antidabetikum von Ely Lilly steht vor der Zulassung.
Beim Kongress war auch die Gefahr für Diabetiker, sich mit Corona zu infizieren, ein Thema. Wie sicher kann man sein, als Diabetiker keinen schweren Verlauf zu bekommen?
Schelkshorn: Nach derzeitigem Wissensstand hat man mit dem Booster die Grundimmunisierung abgeschlossen, was natürlich keinen 100-prozentigen Schutz bedeutet. Aber die Gefahr, mit schwerem Verlauf im Spital zu landen, ist relativ gering. Das gilt Menschen genauso wie für gut eingestellte Diabetiker mit einem guten Hba1c und einem ansprechenden Zuckerverlauf ohne starke Schwankungen. Schlecht eingestellte Diabetiker mit bereits vorhandenen Folgekrankheiten sind aber nicht nur bei Corona, sondern auch bei anderen Infektionskrankheiten mehr gefährdet.
Wir danken für das Gespräch.