Diabetologen empfehlen Herzinsuffizienz-Screening
Erst Diabetes, später dann Herzinsuffizienz: Diesen häufig beobachteten Zusammenhang beider Erkrankungen wollen US-Diabetologen durchbrechen – durch ein systematisches frühes Herzinsuffizienz-Screening mittels Biomarker-Messung bei allen Patienten mit Diabetes.
(Virginia, 5.7.2022) - Diabetes erhöht das Risiko für eine künftige Herzinsuffizienz. Nach Einschätzung der US-Fachgesellschaft American Diabetes Association (ADA) ist Herzinsuffizienz aber immer noch eine „unterschätzte Komplikation des Diabetes“. Dem will die ADA mit einem „Consensus Report“ begegnen, an dem auch Experten der kardiologischen US-Fachgesellschaft ACC mitgewirkt haben (Diabetes Care 2022; online 1. Juni).
Angesichts einer stetig wachsenden Zahl von Menschen mit Diabetes antizipiert die ADA auch zunehmende Belastungen infolge einer steigenden Inzidenz der Herzinsuffizienz. Dem müsse entgegengewirkt werden – unter anderem durch bessere Früherkennung einer drohenden Herzinsuffizienz bei Diabetes-Patienten.
Präklinische Herzinsuffizienz-Stadien im Visier
Nach der 2021 publizierten ersten „Universellen Definition von Herzinsuffizienz“ können vier Herzinsuffizienz-Stadien (A/B/C/D-Schema) unterschieden werden. Allein aufgrund eines bestehenden Diabetes in Kombination mit Risikofaktoren wie Hypertonie und Hyperlipidämie befinden sich Betroffene bereits im Stadium A („at risk“). Kommen dann noch strukturelle und funktionelle Herzveränderungen und/oder erhöhte kardiale Biomarker-Spiegel hinzu, ist bereits das – immer noch asymptomatische – Herzinsuffizienz-Stadium B („Pre-Heart Failure“) erreicht. Stadium C entspricht dann der klinisch manifesten Herzinsuffizienz.
Wie die ADA-Experten in ihrem Report darlegen, komme es darauf an, schon frühzeitig jene Patientinnen und Patienten mit Diabetes zu identifizieren, die sich bereits im präklinischen Stadium B befinden und einem erhöhten Risiko für eine Progression in eine klinisch manifeste Herzinsuffizienz unterliegen. Erkennen ließen sich solche Risikopatienten anhand erhöhter Spiegel für kardiale Biomarker wie BNP, NT-proBNP oder hochsensitive Troponine.
Jährliche Biomarker-Messungen empfohlen
Die ADA rät deshalb in ihrem „Consensus Report“ dazu, mindestens einmal pro Jahr bei allen Diabetespatienten Messungen von einem dieser Biomarker durchzuführen. Als „brauchbare Cutoff-Werte“ zur Bestimmung des Herzinsuffizienz-Risikos werden dabei folgende genannt:
- BNP ≥ 50 pg/ml,
- NT-proBNP ≥ 125 pg/ml und
- hochsensitive Troponine: Werte oberhalb der 99. Perzentile eines oberen Referenzbereichs.
Doch was folgt aus dem Nachweis erhöhter Biomarker-Spiegel? Entscheidungen über eine mögliche Therapieintensivierung zur Prävention einer symptomatischen Herzinsuffizienz seien auf individueller Basis und im klinischen Gesamtkontext zu treffen, so die ADA-Experten. Im Hinblick auf die antidiabetische Therapie raten sie etwa zu einer „Priorisierung“ von SGLT2-Hemmern schon im Stadium B sowie in allen höheren Stadien.
Diabetes beschleunigt Progression der Herzinsuffizienz
Eine fast zeitgleich mit dem „Consensus Report“ publizierte Studie stützt im Übrigen die Einschätzung der ADA bezüglich der Bedeutung einer Diabeteserkrankung für die Herzinsuffizienzprogression – vor allem bei schlechter Blutzucker-Einstellung. In dieser Studie haben US-Forscher anhand von Daten der epidemiologischen ARIC-Studie den Einfluss eines bestehenden Diabetes auf die Progression von einem präklinischen Stadium (Stadium A oder B) in eine manifeste Herzinsuffizienz untersucht (J Am Coll Cardiol 2022; 79(23): 2285–2293).
Zugrunde lagen Daten von 4774 Personen (mittleres Alter 75 Jahre, 58 % Frauen) mit präklinischer Herzinsuffizienz (1551 im Stadium A, 3223 in Stadium B), von denen 30 Prozent einen Diabetes hatten. Im Follow-up der Studie (im Mittel 7,5 Jahre) wurden 470 Herzinsuffizienz-Ereignisse registriert.
Im Ergebnis zeigte sich, dass ein schlecht eingestellter Diabetes (HbA1C ≥ 7 %) in beiden Stadien mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine Progression in eine klinisch manifeste Herzinsuffizienz assoziiert war. So war dieses Risiko etwa bei Patienten mit HbA1C-Werten ≥ 7 % im Stadium B fast um den Faktor 8 höher als bei Patienten im Stadium A ohne Diabetes (Hazard Ratio: 7,56).
Aus diesen Ergebnissen ziehen die Studienautoren den im Einklang mit dem „Consensus Report“ der ADA stehenden Schluss, dass bereits die präklinischen Herzinsuffizienz-Stadien ein „Fokus für aggressive präventive Therapien“ zur Vorbeugung einer manifesten Herzinsuffizienz sein sollten. Sie sehen Bedarf an Studien, in denen neuere Therapien wie SGLT2-Hemmer und GLP-1-Agonisten bezüglich ihres möglichen präventiven Nutzens in diesen frühen Stadien untersucht werden.
Quelle: https://www.aerztezeitung.de/





