Skip to main content

Diabetisches Fußsyndrom: Beinamputation häufig Tabuthema

Der frühzeitige, aktive Austausch zum Thema Beinamputation kann bei Patienten mit diabe­tischem Fußsyndrom (DFS) zur Enttabuisierung beitragen. Bei etwa 10 % Prozent der Patienten mit DFS kann langfristig eine Fuß- oder Beinamputation in Betracht kommen.

(Herlev, 15.2.2022) – Obwohl Beinamputationen erhebliche Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens haben, gibt es bisher nur wenig Erkenntnisse aus der Sicht des Patienten hinsichtlich dieser möglichen Intervention. Daher interviewten dänische Forscher (International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being 2022; DOI: 10.1080/17482631.2021.2009202) Patienten mit DFS, um heraus­zufinden, welche Ge­danken bei ihnen in Bezug auf eine mögliche Beinamputation aufkommen.

Die Interviewteilnehmer (n=5, 4 männl.) wurden aus 4 ambulanten Wundkliniken in Dänemark rekrutiert. Alle Kliniken waren auf die multidisziplinäre Versorgung diabetischer Wunden spezialisiert. Das Alter lag in dieser kleinen Kohorte zwischen 40 und 73 Jahre.

Die ambulante Versorgung des diabetischen Fußsyndroms erfolgte bei diesen Patienten zuvor mindes­tens 3 Monate und lag im Maximum bei 5 Jahre. Die Teilnehmer waren sich schon im Vorfeld des Inter­views bewusst, dass Wundheilungsstörungen beim diabetischen Fußsyndrom zu einer Beinamputation führen können.

In dem Interview wurden aufkommende Gedanken in Bezug auf körperliche, geistige und soziale Verän­de­rungen im Zusammenhang mit einer Beinamputation abgefragt. Auch wenn eine Beinamputation noch nicht zur Debatte stand, traten Gedankenmuster im Wesentlichen zu 4 Themenbereichen auf:

  1. Unausgesprochene Gedanken: Reflexion über das Alleinsein mit der eigenen Gedankenwelt.
  2. Bedenken über mögliche Konsequenzen einer Beinamputation auf soziale Beziehungen: „Was denken dann die Leute über mich?"
  3. Bewältigungsstrategien: „Bleibe ich in so einer Situation emotional stark oder gelange ich in ein Jammertal?“
  4. Gedanken über körperliche Konsequenzen: „Grenzen und Chancen einer Beinamputation“

Die Ergebnisse der Interviews deuten darauf hin, dass Amputationen häufig als Tabuthema empfunden wurden und ein Gedankenaustausch darüber schwerviel, sei es mit Angehörigen oder mit medizi­nischem Fachpersonal.

Die Studienkohorte war zwar klein und stark männlich dominiert, dennoch lieferten die Interviews erste Einblicke in die Gedankenwelt von Patienten mit DFS in Bezug auf Beinamputationen. Bei aktiver An­spra­che wurden viele sonst eher unausgesprochene Themen in Bezug auf Beinamputation erfasst.

Medizinisches Fachpersonal sollte bedenken, dass DFS-Patienten das Thema Beinamputation tabui­sieren und möglicherweise aktiv Hilfe benötigen, um ihre Gedankenwelt zu artikulieren. Daher sollten Angehö­rige des Gesundheitswesens den Dialog zum Thema aktiv fördern – auch wenn DFS-Patienten nicht akut vor einer Amputation stehen, so der Rat der Studienautoren.

Quelle: https://www.aerzteblatt.de/