Diabetes und Übergewicht: Strategien gegen Binge-Eating-Störung
Bei übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes kommt gehäuft die Binge-Eating-Störung* vor.
(29.9.2021) - „Alle Formen der Essstörungen haben in den letzten Jahren zugenommen“, berichten Professor Bernhard Kulzer von der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim und seine Kollegen (InFo Diabetologie 2020; 14:36–41). Diese haben einen mehr oder weniger ausgeprägten Suchtcharakter und gehen oft mit psychischen Komorbiditäten einher, zum Beispiel mit Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen.
*Mit „Binge Eating“ ist übermäßiges, ja exzessives Essen gemeint
Es handelt sich um eine relativ neu definierte Kategorie von Essstörungen, die häufig bei übergewichtigen und adipösen Menschen beobachtet wird. „Die Binge-Eating-Störung ist mittlerweile die häufigste Essstörung bei Diabetes und tritt vor allem bei übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes auf“, erläutern Kulzer und Koautoren in dem Fortbildungsbeitrag.
Kontrollverlust bei Essverhalten
Im Vordergrund stehen Essanfälle ohne Kompensationsversuche wie Erbrechen. Die Betroffenen haben das Gefühl, während der Episode die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren. Sie essen schnell, allein und ohne sich hungrig zu fühlen, bis ein unangenehmes Völlegefühl auftritt. Dies ist oft mit Selbstekel, Scham, Niedergeschlagenheit oder großen Schuldgefühlen verbunden.
Hinweise darauf ergeben sich anhand der Blutzuckerverläufe, besonders bei kontinuierlicher Glukosemessung: Es treten unerklärliche Schwankungen und häufige Unter- und Überzuckerungen auf. Der HbA1c-Wert ist ohne erkennbare Ursache wiederholt erhöht, immer wieder gibt es Diskussionen um die Verteilung der Kalorien/BE-Mengen. Experten raten, die Patienten direkt auf ein gestörtes Essverhalten anzusprechen. Gefragt werden kann nach
- der häufigen gedanklichen Beschäftigung mit Essen,
- dem Essverhalten in Zeiten, in denen es dem Patienten schlecht geht,
- dem unwiderstehlichen Drang, viel zu essen,
- Essanfällen oder Heißhungerattacken,
- nächtlichem Essen,
- dem Vorhandensein einer Besorgnis des Patienten wegen seines Körpergewichts.
Hilfreich ist das Führen eines Ernährungstagebuchs
Behandlung: Praktiziert wird ein abgestuftes Vorgehen mit Psychoedukation, supervidierten Selbsthilfeprogrammen, Psychotherapie und spezieller kognitiver Verhaltenstherapie. Die Patienten lernen, ihr Essverhalten zu beobachten, Stimuli zu kontrollieren, Appetit, Hunger und Sättigungsgefühl wieder bewusst wahrzunehmen. Verzerrte Auffassungen über Essen, Gewicht und Körperbild werden bearbeitet. Medikamente wie Antidepressiva sind dagegen kaum wirksam und werden nur in Einzelfällen angewendet.
Quelle: https://www.aerztezeitung.de/





