Diabetes und Transition – eine herausfordernde Kombination bei jungen Diabetikern
Diabetologen und Endokrinologen fordern flächendeckend angemessene Versorgungsangebote für Typ-1-Diabetiker in der Transition*. Knackpunkt sei der in der Kinderdiabetologie vorhandene Technikvorsprung.
(Berlin, 13.7.2022) - Moderne sensorgesteuerte Insulinpumpensysteme zur Glukosekontrolle wie die AID-Systeme (Automatische Insulin-Dosierung) sind in der Kinderdiabetologie gang und gäbe, die 2000 jungen Typ-1-Diabetiker, die jedes Jahr den Schritt von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin machen, sind größtenteils mit ihnen vertraut – die nach der Transition behandelnden Ärzte größtenteils aber nicht. Das moniert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).
Bei einer, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) organisierten Pressekonferenz forderten am Dienstag in Berlin Vertreter der beiden Gesellschaften flächendeckend mehr qualifizierte Versorgungsmöglichkeiten für diese Patientengruppe ein.
„Im Prinzip erhalten Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes die gleiche Therapie wie Erwachsene – nämlich eine Stoffwechselstabilisierung mittels Insulin, die auf Ernährung und körperliche Aktivität abgestimmt ist“, verdeutlichte DDG-Präsident Professor Andreas Neu. Jedoch seien AID-Systeme in der Kinderdiabetologie viel weiter verbreitet als in der Erwachsenenmedizin, so der Kinderdiabetologe. Er ist kommissarischer Ärztlicher Direktor der Abteilung für Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie an der Kinderklinik des Universitätsklinikums Tübingen.
Technik-Komponente nicht zu unterschätzen
Mehr als 90 Prozent der Kinder unter sechs Jahren nutzen seinen Angaben zufolge die modernen Diabetestechnologien, die auch bei älteren Kindern und Jugendlichen weit verbreitet sind, zur täglichen Stoffwechselkontrolle. Im Gegensatz dazu betrage der Anteil der betroffenen Erwachsenen über 20 Jahre mit einer Insulinpumpentherapie unverändert gerade einmal 20 bis 30 Prozent. Zehn bis 40 Prozent der betroffenen Jugendlichen schafften diesen Übergang in eine geregelte fachärztliche Betreuung nicht. Fehlt ihnen jedoch die ärztliche Empfehlung und Begleitung für eventuell notwendige Therapieanpassungen, kann dies weitreichende gesundheitliche, unter Umständen lebensgefährliche Folgen mit sich bringen.
Dazu gehörten etwa Stoffwechselentgleisungen – und langfristig vorzeitige Erblindung, Nierenversagen oder Amputationen. Neben den seit vielen Jahren bekannten Problemen bei der Transition kämen nun neue Herausforderungen hinzu. Denn in der Erwachsenenmedizin fehle eine entsprechende Expertise für Schulung und Begleitung im Umgang mit modernen Diabetestechnologien vielerorts.
Niederschwelliger Zugang unabdingbar
Moderne AID-Systeme regulierten, wie Diabetologen und Endokrinologen unisono betonten, die Glukosemessung und Insulinabgabe teilautomatisch. Dabei ahmten sie die natürliche Funktion der Bauchspeicheldrüse nach. Das ermögliche, täglich länger im Glukosezielbereich zu sein und das Risiko für Stoffwechselschwankungen zu verringern – insbesondere nachts. Studien zeigten demnach auch einen klaren Vorteil einer Langzeittherapie per AID-Systeme. Alle AID-Systeme setzten jedoch voraus, dass die Nutzenden umfassend geschult seien und in ungewöhnlichen oder kritischen Situationen richtig reagieren könnten. Momentan gebe es noch zu wenig qualifizierte Behandlungseinrichtungen für die Betreuung moderner AID-Technologien: „Für die jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes im Transitionsprozess ist es deshalb schwierig, eine Behandlungseinrichtung in der Nähe zu finden, die mit dem Auslesen von ambulanten Glukoseprofilen und der Anpassung von AID-Systemen vertraut ist“, so Neu.
„Dieser sensible Prozess ist sehr störanfällig“, erinnert Neu. „Hier verlieren wir immer noch zu viele Betroffene: Oft kommen sie erst wieder in eine diabetologische Behandlungseinrichtung, wenn sich diabetesbezogene Folgen eingestellt haben, die vermeidbar gewesen wären.“ Umso wichtiger sei es, dass der Übergang gezielt und individuell vorbereitet werde – und dass entsprechend qualifizierte Erwachseneneinrichtungen niederschwellig erreichbar sind.
DDG-Mediensprecher Professor Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG, fasst zusammen: „Eine erfolgreiche Transition und ein langes, möglichst gesundes Leben sind unsere Behandlungsziele. Die aktuelle Versorgung ist in der Summe zwar gut, in der Fläche und im Detail jedoch sehr ungleich verteilt. Angesichts des derzeit rasch zunehmenden Einsatzes hoch spezialisierter Diabetestechnologien fordern wir die weitere Verbesserung der Transition in die Erwachsenendiabetologie.“ Wie das konkret erfolgen solle, legten die Vertreter der DDG sowie DGE in Berlin indes nicht dar.
*Als „Übergänge“ oder „Transitionen“ werden Ereignisse bezeichnet, die für die Betroffenen bedeutsame Veränderungen mit sich bringen.
Quelle: https://www.aerztezeitung.de/





