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Corona-Appell - hunderte Wissenschaftler: "Lockert nicht zu früh, sonst verspielt ihr den Erfolg!"

Keine Strategie in der Corona-Krise? Hunderte Wissenschaftler legen jetzt einen Plan vor: Erst einmal keine Lockerungen – um das Virus dann aber richtig in den Griff zu bekommen! Mit drastisch gedrückten Zahlen soll das Leben wieder normaler werden. Auch RKI-Chef Lothar Wieler und Christian Drosten stehen hinter dem Aufruf.

Hunderte Wissenschaftler aus ganz Europa fordern in einem gemeinsamen Appell, an strengen Maßnahmen festzuhalten, um die Infektionszahlen deutlich zu drücken. "Lancet", eine der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften, hat in der Nacht zu Samstag ihr Papier veröffentlicht, das eine Diskussion auslösen wird: Es ist der "Aufruf zu europaweitem Engagement für eine schnelle und nachhaltige Reduzierung der SARS-CoV-2-Infektionen". Es heißt dort: "Wenn wir nicht jetzt entschlossen handeln, ist mit weiteren Infektionswellen zu rechnen, und als Konsequenz mit weiteren Schäden für Gesundheit, Gesellschaft, Arbeitsplätze und Betriebe." Und im Umkehrschluss: Die Zahlen zu drücken, hilft allen.

Das Papier rät der Politik faktisch, Schließungen für einen längeren Zeitraum einzuplanen und mit Lockerungen zu warten. Dann soll weiter intensiv getestet werden. Das über allem stehende Ziel: Die Infektionen schnell auf ein so niedriges Niveau zu bringen, dass sich Infektionsketten kontrollieren und unterbrechen lassen und es dann nicht zu weiteren Wellen kommt. Die Initiatorin des Aufrufs, Viola Priesemann, ist beim Max-Planck-Institut in Göttingen Expertin für Modellrechnungen zur Ausbreitung und Eindämmung von Pandemien. Sie fasst zusammen: "Lockert nicht zu früh, sonst verspielt ihr den Erfolg!" Mit einer klaren Zielvorgabe ließen sich die Menschen auch weiterhin zum Mitmachen gewinnen.

Für den Appell hat Priesemann renommierte Wissenschaftler diverser Fachrichtungen aus ganz Europa als Mitunterzeichner gefunden. Deutschland ist am prominentesten besetzt: Die Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der großen Wissenschaftsorganisationen haben unterzeichnet. Es findet sich auch der Name von Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts und damit Chef der obersten deutschen Seuchenbekämpfungsbehörde. Stellung nehmen wollte das RKI dazu nicht.

"Niedrige Fallzahlen bedeuten mehr Freiheiten"

Neben Christian Drosten haben auch etliche weitere bekannte Virologinnen und Virologen unterzeichnet. Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und im Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums, ist der prominenteste Wirtschaftswissenschaftler unter den Unterstützern. Das Papier verweist auch darauf, dass Länder wie China und Australien gezeigt hätten, dass sich Volkswirtschaften rasch erholen, sobald die Verbreitung des Virus stark reduziert oder gestoppt ist. "Niedrige Fallzahlen sichern Arbeitsplätze und Unternehmen."

Physikerin Viola Priesemann verglich die Pandemie in einem Pressegespräch des Science Media Centers mit einem Fußballspiel, das nach unfairen Regeln gespielt wird: "Das Virus-Team bekommt für jedes erzielte Tor drei zusätzliche Spieler." Soll bedeuten: Wer das Virus spielen lässt, sieht sich schnell einer Übermacht gegenüber, die nicht mehr zu verteidigen ist. Und wer die Virus-Mannschaft dezimiert und in Schach halten kann, kann dann auch verschnaufen. "Bei niedrigen Fallzahlen haben wir mehr Freiheiten." Der Lockdown light in Deutschland sei zwar einen Versuch wert gewesen. "Spätestens Mitte, Ende November hätte man sich überlegen müssen: ganz oder gar nicht."

Mitunterzeichnerin Isabella Eckerle, deutsche Professorin am Zentrum für neu auftretende Viruskrankheiten in Genf, beklagt, derzeit sei die Situation am schlimmsten, "weil keiner weiß, wo wir hinwollen". Knackpunkt sei nun, es anzupacken, "weil einige der Maßnahmen unpopulär sind." Wenn man die anspreche, stoße man natürlich auf Widerstand.