Antidiabetika bei Atherosklerose gezielt auswählen
Würde man das Gefäßsystem eines Menschen auf dem Boden auslegen hätte es eine Länge von rund 100.000 Kilometer. Oder anders ausgedrückt: Unsere Blutgefäße reichen fast zweieinhalbmal um die Erde! Die tagtäglich ordnungsgemäße Funktion dieses Netzwerks aufrecht zu erhalten ist eine wahre Sisyphusarbeit für den Körper, die bei Typ-2-Diabetes wesentlich schwieriger ist.
Von Mag. Christopher Waxenegger*
Kardiovaskuläres Risiko
Regelmäßige Leserinnen und Leser von Diabetes-Austria wissen, dass es sich bei Typ-2-Diabetes (T2D) um eine metabolische Stoffwechselerkrankung handelt, die mit erhöhten Blutzuckerwerten einhergeht. Typisch ist primär die Entwicklung einer Insulinresistenz und einer damit einhergehenden Überproduktion von Insulin. Wird nichts dagegen unternommen kann die Bauchspeicheldrüse im weiteren Verlauf die an sie gestellten Anforderungen immer schlechter erfüllen – die Insulinfreisetzung lässt nach und kann schlimmstenfalls sogar komplett versiegen. Gleichzeitig steigt der Blutzuckerspiegel kontinuierlich an, was auf die Dauer Herz, Nieren, Augen, Nerven und Füße schädigt. Das heimtückische dabei ist, dass die Symptome unspezifisch sind (oder zum Teil gar nicht auftreten) und der T2D lange Zeit unbemerkt bleibt.
Allerdings sind erhöhte Blutzuckerwerte nicht das Einzige was den Gefäßen zu schaffen macht. Der eingangs erwähnte Begriff „metabolisch“ deutet schon an, dass bei T2D nicht nur der Kohlenhydratstoffwechsel außer Kontrolle gerät, sondern auch der Eiweiß- und Fettstoffwechsel in Mitleidenschaft gezogen werden. So kann die übermäßige Ausscheidung von Eiweißen zu Nierenschäden und Fettstoffwechselstörungen zu atherogenen Ablagerungen an den Gefäßen führen. Atherosklerose wiederum fördert kardiovaskuläre Erkrankungen. Tatsächlich sind die koronare Herzkrankheit (KHK), die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder die Herzinsuffizienz und daraus resultierende akute koronare Ereignisse (v.a. Herzinfarkt, Schlaganfall, plötzlicher Herztod) der Hauptgrund für die erhöhte Sterblichkeit bei T2D.
Metabolisches Syndrom
Besonders ungünstig ist, wenn zusätzlich andere Risikofaktoren vorliegen:
- Bluthochdruck (>140/90mmHg)
- Fettstoffwechselstörung (↑LDL, ↑Triglyzeride, ↑Gesamt-Cholesterin, ↓HDL)
- schlechte Blutzuckereinstellung (Hba1c >7,5%)
- Übergewicht und Adipositas (BMI >30kg/m2)
Mediziner sprechen dann vom metabolischen Syndrom. Weiters relevant sind:
- Rauchen
- übermäßiger Alkoholkonsum
- wenig körperliche Bewegung
- schlechte Ernährungsgewohnheiten
All diese Faktoren tragen zum erhöhten kardiovaskulären Risiko bei. Eine erfolgreiche Behandlung muss daher alle Aspekte miteinbeziehen und nicht einen außen vorlassen!
Fettsenker reduzieren das kardiovaskuläre Risiko
Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Ähnlich der Bluthochdrucktherapie können manche Menschen nicht nachvollziehen, wieso die Einnahme von – unter Umständen gleich mehreren – Medikamenten notwendig ist, obwohl sie doch gar keine Beschwerden haben und sich im Grunde genommen vollkommen gesund fühlen. Die Reduktion erhöhter Fettwerte ist jedoch eine der tragenden Säulen, um kardiovaskulären Erkrankungen vorzubeugen. Statine stabilisieren atherosklerotische Ablagerungen (Plaques) an den Gefäßwänden, verbessern die Gefäßfunktion, reduzieren Radikale, wirken entzündungshemmend und vermindern das Thromboserisiko.
Wichtig: Ein aktiver Lebensstil mit gesunder Ernährung wirkt präventiv. Solche Menschen benötigen dementsprechend deutlich seltener Fettsenker. Wurde allerdings ein Statin verordnet, sollte es bei aktiven bzw. sich gesund ernährenden Menschen genauso regelmäßig eingenommen werden, wie Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes. Nur dann macht eine medikamentöse Therapie Sinn.
Antidiabetika bei Atherosklerose gezielt auswählen
Antidiabetikum ist nicht gleich Antidiabetikum. Mittlerweile können die verfügbaren Wirkstoffe gezielt anhand der Komorbiditäten ausgewählt werden, um so das Risiko für Folgeerkrankungen zu verringern. Eine Wirkstoffklasse mit positiven Effekt bei Atherosklerose ist etwa jene der Glukagon-Like-Peptid-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RA). GLP-1-RA wirken durch Aktivierung des GLP-1-Rezeptors. Dies senkt den Blutzucker, verlangsamt die Aufnahme von Kohlenhydraten aus dem Darm, erhöht das Sättigungsgefühl und hilft beim Abnehmen.
Aktuelle Studien mit dem neuesten GLP-1-RA-Vertreter Semaglutid (Ozempic®), zeigen, dass neben den oben genannten Effekten außerdem Blutfette, Blutdruck und Entzündungsgeschehen vorteilhaft beeinflusst werden. Tierexperimentelle Studien bescheinigen überdies eine Schutzwirkung vor atherosklerotischen Plaques. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, wieso GLP-1-RA wie Semaglutid im Gegensatz zu anderen Antidiabetika das Risiko für kardiovaskulären Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich vermindern und als Mittel der Wahl bei kardiovaskulären Risikopatientinnen und -patienten gelten.
Werden Sie selbst aktiv!
Das jeder seines eigenen Glückes Schmied ist wusste bereits der römische Konsul Appius Claudius Caecus (in einem ihm zugeschriebenen Gedicht heißt es wörtlich: Fabrum esse suae quemque fortunae). Betroffene können in vielfältiger Weise das Ruder selbst in die Hand nehmen, unter anderem:
- Vorsorgenuntersuchung wahrnehmen.
- Rauchstopp, moderater Alkoholkonsum, gesunde Ernährung, aktiver Lebensstil und Normalgewicht
- Ernährung: Verzicht auf gesättigte Fettsäuren aus beispielsweise Wurst, verarbeiteten Lebensmitteln, fettem Fleisch sowie Palm- und Kokosöl. Dafür den Anteil ungesättigter Fettsäuren aus Fisch, ungesalzenen und ungerösteten Nüssen und pflanzlichen Ölen, wie Sonnenblumen-, Raps- oder Olivenöl erhöhen. Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag (ca. 500-700g) sind optimal. Vollkorn- sind Weißmehlprodukten vorzuziehen.
- Bewegung: 150min/Woche moderate Ausdauerbelastung wie Spazierengehen, lockeres Joggen, Wandern etc. oder 75min/Woche intensive Ausdauerbelastung. Ergänzendes Krafttraining der wichtigsten Muskelgruppen mit Geräten oder dem eigenen Körpergewicht an zwei Tagen der Woche stärkt den Bewegungsapparat und verbessert Blutdruck, Fett- und Zuckerwerte.
- Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung!
- Wurden Medikamente verordnet, sollten diese genau nach Plan eingenommen werden.
- Sollten Nebenwirkungen auftreten, Medikamente nicht selbstständig absetzen, sondern offen mit der/dem behandelnden Ärztin/Arzt oder Apothekerin/Apotheker darüber sprechen. Es findet sich bestimmt eine Lösung.
- Regelmäßige Check-Ups und Kontrollen wahrnehmen. Auf diese Weise kann der Therapieerfolg erhoben und die Medikation gegebenenfalls angepasst werden.
- Teilnahme an speziellen Beratungs- und Therapieprogrammen für Menschen mit Diabetes wie Therapie-Aktiv.
*Christopher Waxenegger ist Pharmazeut, Fach-Autor und Typ-1 Diabetiker.