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Alles andere als übersp(r)itzt: Insulintherapie bei Typ 2 Diabetes

Ist angesichts moderner Antidiabetika die Insulintherapie noch zeitgemäß? Ein klares „Ja“ ist die Antwort von Diabetologin Dr. Martina Lange.

Ist angesichts moderner Antidiabetika die Insulintherapie noch zeitgemäß? Ein klares „Ja“ ist die Antwort von Diabetologin Dr. Martina Lange. Warum das so ist und wie ein guter Start in die Insulintherapie gelingt, erklärt sie in einem Webcast.

Derzeit werden in Deutschland rund 1,5 Mio. Menschen mit Typ 2 Diabetes mit Insulin behandelt – das entspricht etwa jeder fünften Person mit dieser Diagnose.i Eine etablierte Therapie, deren Notwendigkeit angesichts neuerer Substanzklassen jedoch mitunter infrage gestellt wird. Ist die Insulintherapie womöglich überholt – oder doch noch zeitgemäß? Die Antwort der Diabetologin Dr. Martina Lange ist eindeutig: „Bei manchen muss es einfach Insulin sein.“ Dabei will sie die Insulintherapie keineswegs auf die Sp(r)itze treiben – das Nicht-Erreichen individueller Therapieziele trotz nicht-medikamentösen und pharmakologischen Interventionen ist hierbei der ausschlaggebende Faktor. Wenn im Laufe der Erkrankung also Lebensstiländerungen, orale Antidiabetika oder GLP-1 Rezeptoragonisten nicht mehr ausreichen, dann wird es laut Dr. Lange Zeit für ein Basalinsulin. Damit folgt sie in ihrer Diabetologischen Schwerpunktpraxis der Nationalen VersorgungsLeitlinie sowie den Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). ii,iii

Insulintherapie: Wann, welches und für wen?

Einen guten Hinweis auf die Notwendigkeit einer Insulintherapie kann laut Diabetologe Dr. Marcel Kaiser ein trotz Vortherapie erhöhter Nüchternblutzucker liefern. Wenn eine Indikation zur Insulintherapie besteht, sollte diese laut DDG-Praxisempfehlung nicht zu lange verzögert werden.iii Zu Beginn der Insulintherapie sollte zunächst ein lang wirksames Basalinsulin zum Einsatz kommen.ii,iii Dieses kann durch seine lange Halbwertszeit auch die Auswirkungen der verstärkten nächtlichen Gluconeogenese der Leber abmildern und so auch den Nüchternblutzucker positiv beeinflussen, so Dr. Kaiser. Er hat mit dieser Strategie gute Erfahrungen gemacht. So berichtet Dr. Kaiser, dass sich die einmal tägliche Verabreichung in der Regel gut in den Alltag seiner Patientinnen und Patienten mit Typ 2 Diabetes integrieren lasse und somit die Adhärenz entsprechend hoch sei. In Kombination mit oralen Antidiabetika oder GLP-1 Rezeptoragonisten ließe sich so in vielen Fällen der Schritt zur intensivierten Insulintherapie erfolgreich hinauszögern.

Geduld, Zeit und gute Begleitung zahlen sich aus

Dennoch kann der Schritt zur Therapie mit einem Basalinsulin für Menschen mit Typ 2 Diabetes ein einschneidendes Erlebnis sein, so Dr. Lange. Ähnliches weiß auch der Psychologe PD Dr. Arne Schäfer zu berichten: „Schätzungsweise 20–50 % aller Menschen mit Typ 2 Diabetes lehnen eine Insulintherapie zunächst ab, wenn ihnen der behandelnde Arzt diese vorschlägt.“ Ängste vor Überforderung oder mögliche Hypoglykämien durch die Insulintherapie sind laut PD Dr. Schäfer keine Seltenheit. Solche negativen Assoziationen auf Patientenseite sind auch als „psychologische Insulinresistenz“ (PIR) bekannt – ein Überbegriff für Einstellungen, Ängste und Befürchtungen in Bezug auf eine Insulintherapie, die dazu führen können, dass eine indizierte Insulintherapie nicht oder nicht korrekt umgesetzt wird.iv Strategien wie eine geduldige Demonstration der Injektion, das Erläutern der Vorteile einer Insulinbehandlung sowie ein kollaborativer bzw. patientenzentrierter Gesprächsstil sind daher von großer Bedeutung.v,vi „Geduld und Zeit auf Seiten des Arztes sind an diesem Punkt gut investiert“, so PD Dr. Schäfer.

Praxistipps für den Start in die Insulintherapie

Laut Dr. Lange kann es sich auszahlen, schon frühzeitig Insulin als gute Therapieoption ins Gespräch zu bringen, auch wenn aktuell noch keine Indikation besteht. Ein solches Vorgehen kann Barrieren abbauen und einen möglichen späteren Start in die Insulintherapie erleichtern – damit Menschen mit Typ 2 Diabetes Insulin nicht als „Strafe“ für ein vorangegangenes Therapieversagen verstehen, sondern als gute Option für das Management ihrer chronisch progredienten Erkrankung. Die Diabetologin sieht die Insulintherapie als einen von vielen Schritten auf dem (lebens-)langen Weg der Therapie. Bei der Wahl eines geeigneten Basalinsulins stehen für sie dabei neben einem stabilen Wirkprofil und Sicherheit auch Aspekte wie Alltagstauglichkeit und eine leichte Handbarkeit des Pens mit im Fokus. Eigenschaften, die sie in Insulin degludec (Tresiba®vii) vereint findet: „Es hat alles, was ein gutes Basalinsulin braucht“, so Dr. Lange. Somit ist es für sie das Basalinsulin der Wahl, wenn sie eine Insulintherapie initiiert. Gemeinsam mit ihren Patientinnen und Patienten hat sie dabei das Erreichen der individuellen Therapieziele immer fest im Blick.

Referenzen:
i Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021. Online verfügbar unter https://deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/06_Gesundheitspolitik/03_Veroeffentlichungen/05_Gesundheitsbericht/20201107_Gesundheitsbericht2021.pdf (letzter Abruf: 08.12.2021)
ii Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes – Teilpublikation der Langfassung, 2. Auflage, Version 1; AWMF-Register-Nr. nvl-001. Online verfügbar unter:
https://leitlinien.de/mdb/downloads/nvl/diabetes-mellitus/diabetes-2aufl-vers1.pdf (letzter Abruf: 08.12.2021).
iii Landgraf R et al. Therapie des Typ-2-Diabetes in: Neu A & Kellerer M. Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Diabetologie 2020;15(Suppl 1):S65-S92.
iv Polonsky WH, Jackson RA. What‘s so tough about taking insulin? Addressing the problem of psychological insulin resistance in type 2 diabetes. Clinical Diabetes 2004;22:147–150.
v Polonsky WH et al. Identifying solutions to psychological insulin resistance: An international study. Diabetes Complications 2019;33(4):307–314.
vi Stuckey H et al. Key factors for overcoming psychological insulin resistance: an examination of patient perspectives through content analysis. BMJ Open Diab Res Care 2019;7:e000723.
vii Fachinformation Tresiba®, aktueller Stand.

 

Quelle: https://www.medical-tribune.de/