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Adipositastherapie in Österreich – wichtiger, denn je zuvor

Neue Studie zum Therapieangebot liefert ernüchternde Ergebnisse

Salzburg/Wien, 01.03.2021. Ganz Österreich steht im Zeichen von Corona. Dabei sind wir eigentlich im Kampf gegen zwei Pandemien. Übergewicht bzw. Adipositas ist nach wie vor eines der größten Gesundheitsthemen. Darauf will auch der jährliche World Obesity Day am 4. März aufmerksam machen. Gerade starkes Übergewicht erhöht das Risiko für einen schweren Covid-19 Verlauf. Adäquate Therapieangebote sind wichtiger als je zuvor. Dazu liefert eine aktuelle Studie von SIPCAN leider ernüchternde Ergebnisse.

Zwei Pandemien prallen gerade aufeinander. Covid-19 ist in aller Munde und an allen Fronten wird mit immer neuen Maßnahmen und gemeinsamen Kräften gegen die Verbreitung gekämpft. Der Kampf gegen Übergewicht und Adipositas bleibt hingegen vielfach auf der Strecke. Dabei war schon früh bekannt, dass starkes Übergewicht das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöht. Adipöse haben nicht nur ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Hospitalisierung bei einer Covid-19-Erkrankung, sie benötigen auch eher intensivmedizinische Behandlung und weisen ein erhöhtes Todesrisiko auf. Mittlerweile ist auch bekannt, dass Adipöse sich eher mit SARS-CoV-2 infizieren als Normalgewichtige.

Die Adipositas Pandemie in Österreich

Auch in Österreich ist die Adipositas Pandemie in vollem Gange. „Gerade bei Kindern - den Erwachsenen von morgen - ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nach wie vor am Steigen. Mittlerweile geht man davon aus, dass an Österreichs Schulen in jeder zweiten Schulbank ein übergewichtiges Kind und in jeder Schulklasse ein bis zwei adipöse Kinder sitzen. Auch bei den Erwachsenen sind 41 Prozent übergewichtig bzw. adipös. Zwar ist die Tendenz gleichbleibend, jedoch kommt es zu keiner rückläufigen Entwicklung.“ so Prim. Univ. Prof. Dr. Friedrich Hoppichler, Vorstand von SIPCAN und ärztlicher Leiter des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Salzburg. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in Österreich rund 270.000 Kinder und Jugendliche sowie 2,3 Millionen Erwachsene mit einem zu hohen Körpergewicht, damit einhergehenden langfristigen gesundheitlichen Problemen und einem erhöhten Risiko für einen schwerwiegenden Verlauf einer Covid-19-Erkrankung konfrontiert sind (bzw. sein werden).

So erhöht Adipositas das Covid-19 Risiko

Von besonderer Bedeutung ist hier die erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes und die Neigung zu Blutgerinnseln bei Adipösen, da diese eine zentrale Rolle in der Pathogenese von Covid-19 spielen. Der erhöhte Fettgewebsanteil befeuert darüber hinaus bei Übergewichtigen eine chronische Entzündung. Dies wiederum wirkt sich bei einer SARS-CoV-2-Infektion ungünstig aus, da gerade die verstärkte Immunreaktion auf den Erreger die meisten Schäden bei einer Covid-19-Erkrankung anrichten.

„Umso wichtiger ist es, dass trotz der herausfordernden Situation durch die Covid-19-Pandemie die Behandlung der Adipositas im Blickpunkt bleibt. Demnach ist es unerlässlich, dass Betroffenen ein flächendeckendes, niederschwelliges Therapieangebot zur Verfügung steht.“ so Hoppichler.

Bundesweite Studie untersucht aktuelles Therapieangebot von über 200 Institutionen

Eine aktuelle Studie des vorsorgemedizinischen Instituts SIPCAN, die in Kooperation mit der Österreichischen Adipositas Gesellschaft durchgeführt wurde, nahm im Detail die derzeitige Therapiesituation unter die Lupe. Über 200 Institutionen aus ganz Österreich konnten in die Untersuchung eingeschlossen werden.

Die Ergebnisse der Studie, die seit 2005 bereits zum fünften Mal durchgeführt wurde, zeigen, dass die meisten Therapieangebote in privaten Praxen von Ärzt*innen (40,8 %) und Diätolog*innen (30,9 %) sowie im Rahmen einer ambulanten (24,9 %) und stationären (17,6%) Behandlung in Krankenhäusern stattfinden. Dementsprechend häufig werden die Betroffenen von gut ausgebildeten Fachkräften wie Diätolog*innen, Psycholog*innen und Ärzt*innen betreut. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch, dass in nur 18 % der Institutionen Hilfesuchende von Bewegungsexpert*innen wie Sportwissenschafter*innen betreut werden.

„Obwohl gerade in der Therapie der Adipositas eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist, findet diese nur in zwei von drei Einrichtungen (63,9 %) statt. Bei der letzten Erhebung zu den österreichischen Therapieangeboten traf dies noch auf 74,6 % der Einrichtungen zu. Auch die Kooperation mit Sportvereinen oder Fitnessstudios ist seit 2018 rückläufig (49,3 % zu aktuell 41,2 %), so Studienleiter Dr. Manuel Schätzer.

Die Qualitätskontrolle ist mangelhaft

Obwohl in der Adipositastherapie klare Kriterien zur Qualitätssicherung eine zentrale Rolle für den Therapieerfolg spielen, arbeitet aktuell nur etwas mehr als jeder zweite Anbieter (56,2 %) nach wissenschaftlich geprüften Vorgaben (wie z.B. den aktuellen Therapieleitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften). 2018 traf dies noch auf 68,8 % der Anbieter zu.  Auch den Therapieerfolg kontrollieren nur 3 von 4 Anbieter (76,8 %). „Diese Ergebnisse müssen als besonders bedenklich eingestuft werden“, so Hoppichler. „Denn es gibt sehr konkrete Qualitätskriterien für eine erfolgreiche Adipositastherapie.“

Wer zahlt die Adipositastherapie?

Ein weiteres kritisches Ergebnis der Studie betrifft die Finanzierung der Adipositastherapie. So geben immer weniger Anbieter an, dass die von ihnen erbrachten Leistungen durch die Krankenkassen oder andere Versicherungsträger mitfinanziert werden (2005: 57 %, aktuell: 38 %). Auch allgemeine Fördergeber, öffentliche Mittel oder andere Sponsoren werden von immer weniger Institutionen genannt (2005: 25 %, aktuell: 13 %). So wundert es nicht, dass in zwei von drei Fällen (64 %) die Therapie als private Leistung bezahlt werden muss. „Da auch viele Personen aus den unteren Einkommensschichten an Übergewicht und Adipositas erkranken, ist diese Entwicklung als sehr bedenklich einzustufen“, so der Projektleiter der Studie, Dr. Manuel Schätzer. „Wir wissen, dass Adipositas nicht nur für die Patient*innen mit einem erheblichen Leidensdruck sondern auch für das Gesundheitswesen mit hohen Kosten verbunden ist. Deshalb ist es nur logisch, dass von der öffentlichen Hand bei Therapieangeboten nicht gespart werden darf.“

Broschüre mit Kontaktadressen für alle verfügbar

Um Betroffenen und deren Familien bei der Suche nach einem geeigneten Behandlungsplatz behilflich sein zu können, erstellte SIPCAN auf Basis des aktuellen Forschungsprojektes zwei übersichtliche Informationsbroschüren. In den beiden Broschüren zu den Therapieangeboten für Kinder und Jugendliche sowie zu den Therapieangeboten für Erwachsene sind für alle Bundesländer zahlreiche Ansprechstellen mit kompakten Therapieinformationen aufgelistet. Die Broschüren können über die Webseite von SIPCAN (www.sipcan.at/downloads) kostenlos downgeloadet werden.

Alle Details zur Untersuchung finden sich darüber hinaus im neuen Science News Bereich auf www.sipcan.at/science-news

Über SIPCAN

SIPCAN (Special Institute for Preventive Cardiology And Nutrition) wurde als Initiative für ein gesundes Leben im Jahr 2005 gegründet. Als unabhängiges, wissenschaftliches Vorsorgeinstitut wird SIPCAN von einem nationalen, wissenschaftlichen Expertengremium aus medizinischen und angrenzenden Fachbereichen (Internisten, Kardiologen, Ernährungswissenschafter, Sozialmediziner usw.) unterstützt. Die Schwerpunkte von SIPCAN liegen in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention, Forschung und Wissenschaft.